Bewegung in Chile und Deutschland

Colonia Dignidad

Bewegung in Chile und Deutschland

Bundestag fordert Aufklärungs- und Hilfskonzept für die Opfer. Landgericht Krefeld beschließt Haft für Sektenarzt Hartmut Hopp in Deutschland
Von Ute Löhning, Nachrichtenpool Lateinamerika (NPLA)

 

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Die frühere Colonia Dignidad 2005

Endlich kommt Bewegung in die Aufarbeitung der Geschichte der Colonia Dignidad – übersetzt: „Kolonie der Würde“. 1961 hatte der deutsche Laienprediger Paul Schäfer die Sektensiedlung im Süden Chiles gegründet. Sexueller Missbrauch, sklavenartige Arbeitsverhältnisse, Misshandlungen gehörten zum Alltag der etwa 300 Bewohnerinnen und Bewohner. Chilenische Kinder wurden zwangsadoptiert. In den 1970er Jahren während der Diktatur folterte und ermordete auch der chilenische Geheimdienst Oppositionelle in dem streng abgeriegelten Gelände . Der Sektenführer Paul Schäfer wurde 2005 gefasst und ist 2010 in Chile im Gefängnis gestorben. Doch vieles ist bis heute nicht aufgeklärt. Überlebende der Colonia Dignidad fordern noch immer Gerechtigkeit. – Und langsam bewegt sich etwas in Deutschland und in Chile. Bringt der Bundestagsbeschluss den politischen Durchbruch? Setzt der Gerichtsbeschluss der faktischen Straflosigkeit für Täter der Colonia Dignidad in Deutschland ein Ende?

Colonia Dignidad: Endlich Aufarbeitung? (Lateinamerika Nachrichten)

„Kolonie der Würde“ lautet die Übersetzung für „Colonia Dignidad“: die Sektensiedlung, die der deutsche Laienprediger Paul Schäfer im Süden Chiles 1961 gegründet hatte. Ganz und gar würdelos war das Leben in der Siedlung: Sexueller Missbrauch, sklavenartige Arbeitsverhältnisse, Misshandlungen gehörten zum Alltag der etwa 300 Bewohnerinnen und Bewohner. Chilenische Kinder wurden zwangsadoptiert. In den 1970er Jahren während der Diktatur folterte und ermordete auch der chilenische Geheimdienst Oppositionelle in dem streng abgeriegelten Gelände. Der Sektenführer Paul Schäfer wurde 2005 verhaftet und ist 2010 in Chile im Gefängnis gestorben. Doch vieles ist bis heute nicht aufgeklärt.

Feierlicher Moment im Bundestag kurz vor Mitternacht

Am 29. Juni dieses Jahres im Deutschen Bundestag in Berlin. Es geht hektisch zu. Hunderte von Anträgen und Abstimmungen müssen in der letzten Sitzungswoche vor der Sommerpause durchgezogen werden. Erst kurz vor Mitternacht steht die Debatte um Aufarbeitung der in der Colonia Dignidad begangenen Verbrechen auf dem Programm.
„In diesem Antrag fordern wir die Bundesregierung auf, die strafrechtlichen Ermittlungen in Deutschland und Chile voranzutreiben, ein Konzept für die gemeinsame Einrichtung einer nach wissenschaftlichen Kriterien gestalteten Begegnungsstätte vorzulegen.“ erklärt Christian Flisek von der SPD, und “Wir fordern von der Bundesregierung, ein Konzept für Hilfsleistungen für die Opfer vorzulegen, die heute in schwersten sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen leben.“
Bis Juni 2018 soll die Bundesregierung diese Konzepte erstellen – so der parteiübergreifende und einstimmige Beschluss nach der Debatte. Die nicht-privilegierten Bewohnerinnen und Bewohner sind auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Denn sie haben für ihre Arbeit in der Sektensiedlung keinen Lohn erhalten. „Sie haben gearbeitet schon als Kinder, sieben Tage die Woche, 16 Stunden am Tag auf dem Acker. Keiner hat für sie eingezahlt, und sie sind heute arm. Wir haben Verantwortung.“ so die Grünen-Abgeordnete Renate Künast. Zwei frühere Bewohner der deutschen Sektensiedlung, Werner Schmidtke und Wilhelm Wagner, sind als Gäste bei der Parlamentssitzung anwesend.
Michael Brand, der Sprecher der CDU für Menschenrechte, spricht die zwei Männer im Publikum in seiner Rede direkt an: „Es bewegt mich, dass heute Überlebende aus der „würdelosen Kolonie“ hier bei uns sind. Es ist uns eine Ehre, dass Sie heute den Weg in den deutschen Bundestag gefunden haben.“
Beide sind Anfang der 1960er Jahre als kleine Kinder in die Colonia Dignidad gebracht, dort missbraucht und gequält worden. Über vierzig Jahre lang durften sie die Siedlung nicht verlassen. Werner Schmidtke lebt heute wieder in Deutschland, er erhält eine bescheidene Grundsicherung plus 29 Euro Rente. Sein Eindruck von der Bundestagsdebatte: „Ich bin noch ganz schön überwältigt von dem ganzen. Es kommt mir immer noch so vor wie so ein Traum, in dem ich war.“ Der Bundestagsbeschluss ist für ihn: „Ein großer Schritt in die richtige Richtung, endlich mal nach so vielen Jahren. Dem müssen jetzt natürlich viele Schritte folgen.“ Das sieht auch Renate Künast so: „Ich glaub, dass das ein großer Arbeitsauftrag für die nächste Legislaturperiode ist.“

Bringt der fraktionsübergreifende Bundestagsbeschluss den politischen Durchbruch?

Es ist ein Meilenstein, dass Abgeordnete aller Fraktionen gemeinsam die Bundesregierung auffordern, ihrer Verantwortung in Sachen Colonia Dignidad gerecht zu werden. Möglich wurde dies erst durch den Besuch einer Delegation des Bundestagsausschusses für Recht und Verbraucherschutz mit Vertreter*innen aller Parteien in der deutschen Siedlung im November 2016.

MdBs legen Blumen am Massengrab nieder, Nov. 2016, CC BY 2.0

Bundestagsabgeordnete gedenken der in der Colonia Dignidad ermordeten chilenischen Oppositionellen, November 2016

 

„Wir wollten uns selbst ein Bild vom Ort dieses Grauens machen. Wir wollten Opfern von Folter und Mord gedenken.“ erklärt Harald Petzold von der Partei Die Linke. Die Abgeordneten haben sich bei ihrem Besuch in Chile mit deutschen und chilenischen Überlebenden des Terrors in der Siedlung getroffen, die sich heute Villa Baviera, Bayerisches Dorf nennt, und unter anderem vom Tourismus lebt. An einem Massengrab ermordeter Chilen*innen haben sie zusammen mit deren Angehörigen Blumen niedergelegt. Das, was sie dort zu sehen und zu hören bekamen, habe ihn und auch die anderen Mitglieder der Delegation tief beeindruckt, so Petzold.

Deutsche Institutionen tragen Verantwortung

Jahrzehntelang wurde den Opfern der Colonia Dignidad und den Berichten der wenigen, die entkommen konnten, kein Gehör geschenkt. Aus der Siedlung Geflohene, die es bis in die deutsche Botschaft in Santiago geschafft hatten, erhielten dort keinen Schutz, sondern wurden der Sektenführung wieder überlassen. Renate Künast erklärt: „Deutsche Behörden haben weggesehen. Wir sind unserer Verantwortung bisher nicht gerecht geworden.“

Keine Aufklärung ohne deutsch-chilenische Zusammenarbeit

Das könnten die chilenische und die deutsche Regierung jetzt ändern. Denn im Juli haben sie in einem Memorandum vereinbart, eine bilaterale Kommission einzurichten. Vertreter*innen beider Regierungen sollen sich noch in diesem Jahr zur Einrichtung eines Dokumentationszentrums und eines Gedenkortes abstimmen. Sie sollen die Aufklärung der in der Siedlung begangenen Verbrechen und die Auswertung von entsprechenden Dokumenten koordinieren. Und sie sollen Untersuchungen der Vermögensstruktur der Colonia Dignidad bzw. Villa Baviera als Wirtschaftsunternehmen vorantreiben.
Denn es gab auch privilegierte Sektenmitglieder und nicht alle ehemaligen Bewohner*innen sind heute arm. Klaus Barthel von der SPD verweist auf die Tatsache, „dass da Täter heute wie der Herr Hopp noch frei rumlaufen, mit viel Geld und guten Anwälten unterwegs sind, auf der einen Seite existieren, und auf der anderen Seite wir es mit Opfern zu tun haben, die heute von Hartz IV leben müssen, obwohl sie ihr Leben lang Sklavenarbeit geleistet haben.“
Besagter Hartmut Hopp war als Arzt bis in die 2000er Jahre der Leiter des sekteneigenen Krankenhauses, in dem zahlreiche Menschen jahrelang mit Psychopharmaka ruhiggestellt und mit Elektroschocks gequält wurden. Hopp ist in Chile wegen Beihilfe zum Kindesmissbrauch durch den Sektenführer Paul Schäfer zu fünf Jahren Haft verurteilt, lebt inzwischen aber in Deutschland und soll seine chilenische Strafe nun in einem deutschen Gefängnis absitzen. So zumindest hat es das Landgericht Krefeld im Juli beschlossen. Es bleibt abzuwarten, was daraus folgt.
Klar ist: ohne Kooperation der chilenischen und der deutschen Justiz und ohne Zusammenarbeit zwischen der deutschen und der chilenischen Regierung wird es weder Aufklärung der Verbrechen noch Gerechtigkeit für die Opfer geben.
Fotos: Gerhard Dilger, AFDD Talca