Zanon – Fabrik ohne Chefs

Fliesen in Patagonien

Zanon – Fabrik ohne Chefs

Jürgen Vogt

Das Unternehmen “Cerámica Zanon S. A.” war 1979 während der argentinischen Militärdiktatur entstanden. In den 1990er Jahren mauserte es sich zur größten und modernsten Keramik- und Porzellanfabrik Lateinamerikas. 2000 geriet das Unternehmen in die Krise.

Im Oktober 2001 wurden die Öfen abgestellt, die Werkstore geschlossen und die Belegschaft ausgesperrt. Mit richterlicher Genehmigung durfte sie zunächst die Fabrik wieder betreten. Im Folgemonat wurden alle 380 Mitarbeiter entlassen.

Im März 2002 nahmen 230 Arbeiter die Produktion wieder auf. 2004 gründeten sie die Cooperativa FaSinPat (Fábrica Sin Patrones – Fabrik ohne Chefs). Im August 2009 enteignete die Provinzregierung von Neuquén den alten Eigentümer und zahlte die noch verbliebenen Gläubiger aus. Alles, auch die Rechte an dem Markennamen Zanon, ging damals an die Kooperative ohne Chefs über. Doch die Situation des Flaggschiffs der argentinischen fábricas recuperadas, der wiederangeeigneten Betriebe, ist heute schwieriger denn je.

Herr Retamosa, Sie arbeiten seit fünf Jahren als Mechaniker bei Zanon. Läuft es rund bei Ihnen?

Leider nein. Die Maschinen sind alt. Was wir heute in acht Stunden produzieren, könnten wir eigentlich in drei Stunden herstellen. In unserer Branche findet alle zehn Jahre eine technologische Erneuerung statt. Seit über 20 Jahren wurden keine größeren Investitionen in die Anlagen vorgenommen, die letzten waren 1994 und 1995. Seit 2009 sinkt die Produktion.

Das klingt nicht sehr optimistisch. Wie ist die Stimmung unter der Belegschaft?

2016 hatten wir ein ganz schlechtes Jahr. Mehrere Monate verdienten wir nur 300 Pesos in der Woche, heute sind es knapp 2000. Dazu kommen für jeden Beschäftigten monatlich 4000 Pesos an staatlichen Lohnbeihilfen, die alle notleidenden Betriebe beantragen können, egal ob privat oder selbstverwaltet. Zusammen macht das rund 12.000 Pesos. In der Provinz Neuquén, wo in der Ölindustrie etwa 40.000 Pesos gezahlt werden, ist das ein Niedriglohn.

Die Löhne sind also keine Anreiz, um bei Zanon zu arbeiten?

Nein, viele sind gegangen, darunter viele qualifizierte Facharbeiter, die uns heute fehlen. Auch deshalb mussten wir die Arbeitsregeln verschärfen. Heute achten wir mehr auf Pünktlichkeit und Arbeitsdisziplin. Von den ursprünglich 470 Mitarbeitern sind noch rund 230 geblieben. Die, die geblieben sind, sind zwar mit Herz dabei, aber mitunter weniger qualifiziert, oder sie haben schlicht keine andere Wahl.

Warum wird nicht investiert?

Eine Investition in einer Fabrik wie der unseren übersteigt schnell die Millionen-Grenze. Das können wir nicht aufbringen. Die ganze Fabrik ist in vier Flügel unterteilt. Der erste wurde in den 1970er Jahren gebaut, liegt aber schon seit Ende der 1980er Jahre brach. Danach zwei Anlagen für Keramik, die auch heute noch funktionieren. Und die vierte Anlage für Porzellan. Aber wir müssen immer hinterher sein, dass die Maschinen nicht ausfallen.
Wir haben kaum Ersatzteile. Die Anlage läuft heute Dank der Flexibilität und dem Einfallsreichtum der Kollegen. Geht etwas kaputt, steht gleich die ganze Maschine stundenlang, manchmal tagelang still. Deshalb arbeiten wir heute mehr, aber für weniger Produktion als früher.

Mit dem Amtsantritt des konservativen Präsidenten Mauricio Macri im Dezember 2015 hat sich die Lage sicher nicht gebessert?

Die war schon vor der politischen Wende schwierig. Anfang des Jahrzehnts wollte uns die damalige Regierung von Cristina Kirchner einen großen Kredit geben, um wenigstens einige Maschinen erneuern zu können. Doch die versprochene Summe schrumpfte immer weiter zusammen, bis es am Ende bei den Versprechungen blieb.

Die Tarife bei Strom, Gas und Wasser waren über 10 Jahre wegen staatlicher Subventionen nicht gestiegen. Die Regierung Macri hat die Beihilfen konsequent gestrichen. Das hat eine Kostenexplosion verursacht, unter der jedoch alle Industriebereiche und auch die privaten Haushalte leiden. Kürzlich brachte ein Abgeordneter der Opposition eine Gesetzesinitiative im Kongress ein, nach der den Betrieben, die von ihren Belegschaften übernommen wurden, ein zweijähriges Moratorium gewähren soll. Wäre das auch eine Erleichterung für Zanon?

Ja, auf jeden Fall. Bisher sind wir bei der Energie und den Tarife auf uns allein gestellt. Allerdings konnten wir bereits zu Kirchner-Zeiten nicht alles bezahlen, so dass uns schon damals Beihilfen gestrichen wurden. Anfang 2016 kam dann der große Schub. Mussten wir bis dahin 1,5 Millionen Pesos für Gas und 400.000 Peso für Strom bezahlen, sind es jetzt 8 Millionen Peso für Gas und 1,5 Millionen für Strom.
Heute sind wir bei mehreren Versorgern bereits mit rund 200 Millionen Pesos verschuldet. Zum Glück wurde uns die Versorgung nicht gekappt, denn auf der Schuldnerliste stehen wir an vorletzter Stelle. Das bedeutet, dass gegenwärtig alle Großverbraucher in unserer Region nicht zahlen. Trotzdem könnte uns jeder Versorger eine Klage anhängen. Das ist gefährliche offene Flanke.

Die Regierung hat aber nicht nur an der Tarifschraube gedreht, sondern auch die Barrieren für Importe erheblich gesenkt.
Ja, die Importe haben uns zu 100 Prozent getroffen. Zugleich verringerte sich die Nachfrage wegen der Krise in der Bauwirtschaft. Darunter leidet die ganze Branche. Seit Anfang des Jahres mussten in Argentinien bereits drei große Keramikfabriken mit jeweils zwischen 200 und 300 Mitarbeiter schließen. Wir haben es aber nicht geschafft, wenigstens einige der Kunden dieser Fabriken für uns zu gewinnen. Die gingen alle an die Billigimporte aus China und Brasilien, deren Qualität allerdings entsprechend niedrig ist. Wir setzen weiter auf unsere Qualität, und die ist auf dem Markt sehr gut anerkannt.
Die Qualität allein scheint aber nicht auszureichen. Worauf setzen Sie noch?

Gegenwärtig verhandeln wir mit der Macri-Regierung über einen Kredit in Höhe von 15 Millionen Pesos. Allerdings bräuchten wir rund 20 Millionen, um uns zu stabilisieren. Die Verhandlungen sind schon ziemlich fortgeschritten. Die Provinz- und Nationalregierung knüpfen die Vergabe an eine Ausbildung durch das INTI, das nationale Institut für Technik und Industrie. Da sind Ingenieure und Techniker dabei, die uns helfen können, den Abgang an qualifizierten Mitarbeitern auszugleichen.

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