Feministische Revolte

Feministische Revolte

Wir bringen die Welt durcheinander, während wir neue Welten entstehen lassen

Montevideo, 2019

Seit einigen Jahren beschreiben wir den aktuellen feministischen Kampf in Uruguay als Zeit der Rebellion. Das scheint uns passend, da jede Einzelne aus ihrer Erfahrung weiß, dass wir in diesen gemeinsamen Jahren und zusammen mit tausenden anderen die Welt durcheinandergebracht haben und zugleich neue Welten entstehen lassen. So sieht für uns Rebellion aus.

Wir berichten aus Uruguay, erfüllt mit dem Elan eines Kampfes, der am Río de la Plata eine außerordentliche Kreativität und eine enorme Ausstrahlungskraft entwickelt hat und der mit verschiedenen feministischen Kämpfen und anderen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zur Verteidigung des Lebens in Lateinamerika zusammenfließt. Der Ausgangspunkt waren wir selbst, jede Einzelne von uns und zugleich alle. Unser Wunsch ist und bleibt es, alles zu verändern.

Als Minervas organisieren wir uns seit 2012, doch insbesondere seit etwa fünf Jahren leben wir in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen. Es ist eine Zeit, in der besonders im Februar mit Ausblick auf den 8. März die Aktivitäten exponentiell zunehmen. Es ist eine Zeit, in der wir jedes Mal auf die Straße gehen, wenn es im Land einen Feminizid gibt, manchmal sogar einmal pro Woche. Und es ist eine Zeit, in der wir der Lohnarbeit, dem Studium und unserem Schlaf tagtäglich Stunden stehlen, um unseren Körper in den Kampf zu schicken.

Es war eine intensive Zeit und wir sind erschöpft, aber es ist auch eine wertvolle Zeit, da wir sie für uns selbst nutzen und nicht dafür, für andere da zu sein. Wir haben gemeinsam gelacht und geweint, und wir haben bis in die frühen Morgenstunden getanzt. Unser Kampf bezieht seine Energie aus endlosen Gesprächen, aus Umarmungen und Straßenprotesten, aus dem Verlassen gewalttätiger Beziehungen, aus der gegenseitigen Wertschätzung und aus den sozialen Strukturen, die wir in unseren Küchen, in unseren gemeinsamen Räumen oder mit Frauen aus anderen Städten und der Welt aufrecht erhalten.

Es ist eine Zeit, die uns gehört – uns, die wir jetzt kämpfen – und zugleich ist es eine Zeit der Erinnerung. Wir stützen uns auf Errungenschaften, die andere Frauen erkämpft haben und auf verschiedene feministische Ansätze, die wir aufgreifen und wiederbeleben. Wir haben die letzten Jahre mit der Lektüre von Büchern, Artikeln und Beiträgen aus Netzwerken verbracht und Archive wiederaufgebaut. Es waren Zeiten, in denen wir laut geschrien und Worte gefunden haben, um das zu benennen, was wir fühlen, um zu bekräftigen, was wir nicht wollen und um zu systematisieren, was wir wissen.

Zu wissen, dass Frauen auf der ganzen Welt eine Zeit der Rebellion erleben, freut uns und bestärkt uns. Gemeinsam führen wir unser Wissen über das in den Kämpfen Erlernte zusammen. Wir sind den Gefährtinnen (compañeras) dankbar, die sich unseren Publikationen widmen und sich mit Fragen an uns wenden. Der vorliegende Text ist der Versuch, unser Wissen zu dokumentieren und zu teilen, um die Zeit der Rebellion zu erweitern und offen zu halten.

 

Wir[1]

Minervas ist ein Kollektiv feministischer Frauen unterschiedlichen Alters, diverser Lebensumstände und Lebenswege. Wir organisieren uns seit 2012, als wir noch einige wenige waren. Heute werden wir jeden Tag mehr. Das Kollektiv ist autonom und verwaltet sich selbst. Zu Beginn haben wir uns an Orten getroffen, die wir nur zeitweise nutzen konnten. Seit drei Jahren haben wir unsere eigenen Räume, die wir mit einiger Anstrengung gemeinschaftlich mieten.

Im Vorwort des 2019 erschienenen Buchs «Stunde des Streiks. Zeit der Rebellion»[2] berichten wir von diesen gemeinsamen Jahren: «Wir haben den gemeinsamen Weg begonnen, indem wir unseren Schmerz und unsere einzelnen Erlebnisse geteilt haben, um unsere gemeinsame Erfahrung kollektiv zu organisieren und zu begreifen, andere Bedeutungen herzustellen und unsere Rolle als Frauen in dieser Welt zu verstehen» (Minervas, 2018:9). Wir haben uns wöchentlich getroffen und monatlich vier verschiedene Zusammenkünfte durchgeführt: zwei Plenarversammlungen, ein Treffen zur Selbsterfahrung und einen Workshop. Dabei handelte es sich um spezifische Versammlungsformen, die gleichsam unser politisches Verständnis zum Ausdruck bringen. Jedes Treffen, jede Form hat einen eigenen Charakter und hat sich gleichzeitig in ein Werkzeug verwandelt, mit dem wir jedem beliebigen Thema, das uns oder andere Frauen betrifft, begegnen können. Während wir Themen vertiefend bearbeiteten, haben wir gelernt, die verschiedenen Formen der Bearbeitung zu kombinieren, um Themen aus unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen. Dieses Zusammenspiel bildet eine Konstellation von Praktiken, der eine Politik zugrunde liegt, «die das Rationale nicht vom Affektiven trennt, die Wissen und Lernen aus dem Körper schöpft und manuelle Tätigkeiten nicht zugunsten intellektueller Arbeit abwertet und umgekehrt» (Minervas, 2018:13).

Als Teil der Coordinadora de Feminismos del Uruguay (Koordination der feministischen Bewegungen Uruguays) haben wir die feministischen Proteste mitorganisiert. Gleichzeitig sind wir Teil der Red de Feminismos Populares y Desde abajo (Netzwerk der Basis-Feminismusbewegungen von Uruguay[3]), einem Netzwerk, das wir seit Jahren mit weiteren Kollektiven aus anderen Städten des Landes aufbauen. 2018 haben wir gemeinsam mit den Kollektiven Resonancia Feminista (Paysandú), Colectivo Feminista Maldonado, Ni una menos (Soriano), Resistencia Feminista (Salto) und Las de abajo (Colonia) das «Encuentro de feminismos populares y desde abajo» (Treffen der Basis-Feminismusbewegungen von Uruguay) in Montevideo organisiert.

Im Vorfeld des 8. März 2019 haben wir mit der Absicht, den Austausch, die Reflexion und politische Bildung für den feministischen Kampf weiter zu fördern, eine Schule für feministische Bildung eröffnet. Sie soll dem Austausch von Wissen dienen und uns Zeit und Raum zur kollektiven Reflexion geben. Die grundlegende Annahme ist, dass es eines Raumes bedarf, den wir gemeinsam aufbauen und der Gefährtinnen aus verschiedenen Bereichen und Hintergründen zusammenbringt. Wir setzen darauf, unseren Weg gemeinsam zu gestalten.

 

Selbsterfahrung: Spiegel für einander sein, um alles zu verändern

Wir sind der Überzeugung, dass der Kern unseres Handelns in der Pflege der politisch-affektiven Beziehungen untereinander liegt. Damit stellen wir uns den hetero-patriarchalen Anordnungen und deren Postulat entgegen, dass die Beziehungen zu Männern und das Männliche stets Priorität haben. (Minervas, 2018:10). Es waren Jahre, in denen wir viel ausprobiert haben und die anstrengende oder schwierige Momente enthielten, jedoch auch besonders heitere Momente, weil wir unter uns Augenblicke erlebt haben, in denen nicht Gewalt herrscht und in denen Freiheit keine bloße Idee, sondern eine konkrete Möglichkeit ist.

Zu diesem Zweck waren Praktiken der Selbsterfahrung grundlegend für unser Kollektiv – zuerst gingen wir diese Arbeit intuitiv an, dann aber wurde sie eine zentrale Richtschnur für die Art und Weise, wie wir unsere politische Praxis ausüben und sie uns vorstellen. Von sich auszugehen, die eigene Erfahrung mit einzubeziehen und zu politisieren, bedeutet nicht, Nabelschau zu betreiben, sondern vielmehr, die Radikalität unseres Protests ernst zu nehmen. Dabei handelt es sich um eine Methode beziehungsweise ein historisches und sehr wirksames Werkzeug – keine Neuerfindung, sondern ein Erbe, das andere Frauen uns vermacht haben und das wir auf unsere spezielle und an lokale Bedürfnisse angepasste Weise wiederbeleben (Veras Iglesias/Rodríguez Lezica, 2020).

Erstmals wurden die Praktiken der Selbsterfahrung Ende der 1960er Jahre von der zur Frauenbefreiungsbewegung gehörenden Gruppe Radical Women of New York unter der Bezeichnung «Consciousness-Raising»[4] als soziale Kampfform eingesetzt. In Italien war Carla Lonzi (1978) von der Gruppe Rivolta Femenile eine Schlüsselfigur für die Praxis und Konzeptualisierung der Selbsterfahrung. In diesen Jahren haben sich insbesondere Feministinnen rund um den Mailänder Frauenbuchladen (Librería de Milan) theoretisch mit dem Konzept der Subjektivität in der Beschreibung der Ausgangslage auseinandergesetzt (Rivera Garretas, 1997) und den Beschränkungen, die es bedeutet, immer nur von Unterdrückung zu erzählen und dabei zu versäumen, die weibliche Erfahrung von Freiheit zu erwähnen. Andererseits ist die Praxis, von sich auszugehen, die eigenen Erfahrungen in Gruppen zu teilen und den Alltag zu politisieren, eine gängige Praxis lateinamerikanischer sowie weltweiter Frauengruppen, wenn sie auch nicht zwangsläufig auf gleiche Weise organisiert oder konzeptualisiert wird.

Wir haben die Berichte der Selbsterfahrungsgruppen wieder gelesen und neben den Texten, die von den Gruppen selbst verfasst wurden, auch ihren Kontext in den Blick genommen. Diese Frauen verstanden Selbsterfahrungstreffen als eine Möglichkeit, persönliche Probleme aus politischer Perspektive anzugehen, sie beschäftigten sich also damit, wie das Privatleben durch die patriarchalen Strukturen bedingt war. In dem Text «Das Private ist politisch» verteidigte Carol Hanisch (1969) die Selbsterfahrung als eine notwendige Praxis für die Befreiung der Frau. Diese Parole eröffnete eine neue Richtung des Kampfes für die feministische Bewegung, indem sie die Forderungen um die Dimension des Alltags der Frauen in all seinen Aspekten erweiterte; Sexualität, Mutterschaft, Kindererziehung, Arbeit und Ehe wurden auf die Tagesordnung gesetzt. Ausgehend von der persönlichen Erfahrung, wird alles in Frage gestellt. Sarachild betont, in Zielsetzung und Form sei dies eine radikale Praxis, die an die Wurzeln gehe und ein Spektrum an Themen eröffne, die die Gesamtheit des Lebens ausmachten und deshalb nicht vereinnahmt werden könne (1979).

Die Praktiken der Selbsterfahrung konzentrieren sich darauf, von uns selbst auszugehen, unseren Körper und Geist zu kennen, das heißt, keine Spaltung zwischen diesen beiden wahrzunehmen, sondern den Körper als Sitz der Erfahrung anzuerkennen (Rivera Garretas, 1996):

„Ich glaube, dass verschiedene Bedeutungen des Körpers ins Spiel kommen. Manchmal ist es die Arbeit des Körpers im konkretesten Sinne (…) es gibt eine Dynamik, ein Sichberühren, ein Sichanschauen. Das ist auch vorgesehen, es ist konkret da und Teil der Selbsterfahrung. Aber ich glaube auch, dass der Körper sich auf andere Weise mitteilt, gerade der gelebte Körper, der gefühlte Körper – was mir passiert ist, wie ich es wahrgenommen, wie ich es gelebt habe – dort spreche ich vom Körper ausgehend. Ich glaube, dass es so ist, aber ich weiß nicht, ob ich es erklären kann. Nicht nur, weil es eine Dynamik gibt, sondern einfach, weil miteinander gesprochen wird und es während der Selbsterfahrung kaum möglich ist, Dinge außen vor zu lassen. In einem anderen Szenario würdest du sagen: ‘Ich interpretiere das politisch so oder so’ und es ist eher eine rein rationale Aussage“ (Zitat Veras Iglesias/Rodríguez Lezica, 2020).

Die Selbsterfahrungspraktiken erlauben uns, gegen die weibliche symbolische Unordnung vorzugehen:

„(…) nach jeder Selbsterfahrung wird ein tieferes Verständnis von den anderen Gefährtinnen und von uns selbst erzeugt. Das lässt uns irgendwie spüren, dass die Dinge, die uns passiert sind, nicht nur uns selbst passiert sind. Manchmal zeigen sich auch Unterschiede in den gemachten Erfahrungen. Damit kannst du dich wieder verorten. (…) als fändest du eine neue Bedeutung“ (Zitat Veras Iglesias/Rodríguez Lezica, 2020).

Wie anfangs gesagt, haben wir diese Praktiken intuitiv begonnen. Wir sind zusammengekommen und haben angefangen, darüber zu reden, was wir erlebt haben, wie sich unser Frausein in den sozialen Organisationen, denen wir angehörten, im Studium, in unseren Partnerschaften gestaltet hat. Es war zunächst eine faszinierende Zeit der Entdeckung unserer Gemeinsamkeiten. Wir haben erfahren, dass die Gewalt, die wir spürten, eine tatsächliche war, dass wir nicht verrückt waren oder allein und sind zu etwas so Tiefem und Einfachem gelangt wie dem Wissen, dass in unseren Worten Wahrheit lag. Als wir uns in den Lesekreisen mit der früheren Ausübung der Praktiken auseinandersetzten, stellten wir fest, dass Sarachild (1979) dies auf den Punkt gebracht hat. Sie meinte, dass die radikalen Prinzipien deshalb Früchte trügen, da den Erfahrungen einer anderen zuzuhören, zu hören, was sie zu sagen hat, eben bedeutet anzuerkennen, dass im Wort einer Frau Wahrheit liege. Und gleichzeitig betont sie, dass das Zuhören im Kollektiv eine Analyse der Gesamtsituation von Frauen ermögliche, nicht etwa lediglich die ihrer Person. Es geht darum, die Welt gemeinsam zu verstehen, um alles zu verändern. Zu wissen, dass in dem, was wir sagen, Wahres liegt, bedeutet, davon auszugehen, dass es einen Weg gibt, die Welt zu verstehen, der der Wahrheit entspricht, der Sinn ergibt, denn selbst wenn diese verleugnet wird, hat unsere Erfahrung doch Gültigkeit.

In diesen Jahren bildeten wir ein Selbsterfahrungskomission, die den Prozess vorantreibt, wenn es auch nicht unbedingt diese Mitstreiterinnen sind, die jeden einzelnen Moment darin durchführen. Wir haben diese Arbeit mit den Bildungsaktivitäten verknüpft, indem wir studierten, wie andere die Praktiken vor uns gehandhabt haben, welches ihre Bezeichnungen und die Art und Weise ihrer Ausführung waren. Die Selbsterfahrungskomission gibt, ähnlich wie die Komission für Workshops, Vorschläge für Themen oder Leitlinien der Auseinandersetzung, die dann von anderen Gefährtinnen umgesetzt werden.

Die Praktiken der Selbsterfahrung als Methode erlauben es uns, die Lebensumstände der anderen mitzuverfolgen, sie schaffen Vertrauen zwischen uns und sie öffnen uns, um unseren Schmerz zu teilen und uns bei der Heilung zu unterstützen. Bei diesen Veranstaltungen hören wir uns in dem Wissen zu, dass in unseren Worten Wahrheit liegt, und wir finden eine Sprache, um uns präzise mitzuteilen und neue Bedeutungen einzuführen. Im Laufe der Zeit haben wir gelernt, immer gründlicher zu betrachten, was die vorherrschende Weiblichkeit beinhaltet, und erkannt, dass es notwendig ist, auch Spannungen, Konflikte und Ärger in Worte zu fassen, da wir durch das Patriachat alle eine Wunde tragen, da wir alle daraufhin sozialisiert sind, aus der Abwertung heraus zu konkurrieren. Die vergangenen Jahre, in denen wir zusammengearbeitet haben, haben uns gelehrt, dass es vor dem Hintergrund einer über Jahrtausende gefestigten Dominanz seine Zeit brauchen wird, unsere eigene Aufstellung zu erweitern. Wir befinden uns in einer außerordentlichen Zeit, in der alles politisiert und aus diesem Grund zutiefst radikal ist. Gleichzeitig bringen uns die Praktiken der Selbsterfahrung dazu, den Zentren des Patriachats gegenüber wachsam zu sein. Um erneut auf die radikalen Feministinnen zurückzukommen, sie wiesen in Bezug auf ihre Erkenntnisse über die Rolle der Weißen in den Bürgerrechtskämpfen darauf hin, dass es an jeder einzelnen Person liege, die eigenen Unterdrücker zu bekämpfen, dass niemand sich radikalisiere, indem er*sie die Belange anderer erkämpfe. Das bedeutet, das komplexe Geflecht der multiplen Unterdrückungsverhältnisse zu erkennen, ohne der Versuchung nachzugeben, als Heilsbringerin den Kampf für andere zu übernehmen.

Durch die politisch-affektive Arbeit über uns und mit anderen sowie durch kollektive Selbstbildung ermöglichen uns diese Zeiten und Mittel, zugleich Prozesse zur Befreiung und Entscheidungsfindung zu schaffen. Sie erlauben es uns, die Lage aus der konkreten Realität einer jeden zu lesen und nicht aus einem politisch abstrakten und unbeteiligten Blickwinkel zu betrachten. Die Praktiken der Selbsterfahrung ermöglichen sowohl in der Theorie als auch in der Aktion von der Erfahrung auszugehen.

 

Bildung als politische Methode

Weiterbildung hat seit unseren ersten Treffen bis heute einen sehr wichtigen Platz im Kollektiv. Die kollektiven Prozesse der Autodidaktik stellen einen Teil der Aktionen und Methoden dar, die wir kultiviert haben und die es uns ermöglicht haben, die konkrete Arbeit mit den notwendigen Reflexionen zur Weiterentwicklung und Potenzierung auszustatten. Bildung lässt uns Wissen und damit auch Macht teilen und gesellschaftlich einbringen; sie lässt uns aus den Erfahrungen von Frauen lernen, die den Kampf vor uns geführt haben und bekräftigt auf diese Weise, dass das feministische Gedächtnis die aktuellen Kämpfe nährt:

„So bilden die Lesungen, der Austausch, Publikationen, das Verfassen von Texten, Lieder, Gedichte, Tänze, das Theater, Fotografien, Grafiken, Wandbilder eine Konstellation von konkreten Praktiken (…). Die verschiedenen Strategien der Bildung, die wir verfolgen, stärken unsere persönlichen und kollektiven Fähigkeiten, das Geschehen zu verstehen und in gemeinsamen Angelegenheiten und öffentlichen Debatten zu intervenieren“ (Minervas 2018:12-13).

Genau wie die Selbsterfahrung ist die gemeinsame Weiterbildung für uns auch eine Art und Weise, Politik zu machen. Als zusammen verbrachte Zeit bildet sie mit den Veranstaltungen zur Selbsterfahrung und den Plenumsveranstaltungen eine Kombination von Praktiken, ein System, in dem jede Aktivität in ihrer Besonderheit etwas zum Ganzen beiträgt und sich gleichsam mit den anderen ergänzt. Als eine Methode, Politik zu machen, vereinen sich die Bildungsbereiche Lesen, Reflexion und Diskussion zu einem Prozess, der eine politische Ethik formt, die auf Austausch und Aufbau verschiedener Verbindungen unter uns, mit anderen und mit dem Wissen beruht. Neben ihrer Eigenschaft als gemeinsame Aktivität ist die Weiterbildung also ein Schlüssel, eine Arbeitsmethode und eine Form, mit den Problemen umzugehen, vor die uns der Kampf stellt. Sie ist schließlich ein Werkzeug, um uns die Welten vorzustellen, von denen wir träumen.

Seit 2013 haben wir monatliche Treffen, bei denen ein Thema gewählt wird, das mithilfe von Lesungen und weiteren Materialien bearbeitet wird. Diese Arbeit wird von der Bildungskommission organisiert, auf rotierender Basis jedoch kollektiv vorangetrieben, damit alle Mitstreiterinnen zu verschiedenen Zeitpunkten die unterschiedlichen Rollen, die ein Bildungsworkshop beinhaltet, einnehmen (Planung, Materialauswahl, Dynamisierung, Systematisierung usw.). Auf diese Weise stützen sich unsere Bildungsprozesse auf einen permanenten Kreislauf von Lesungen und Materialien sowie die kollektive Bibliothek, die wir in den letzten Jahren aufgebaut haben. Die Bildung hilft uns, Theorien und Denkerinnen historisch zu verorten, weshalb wir nicht nur den Texten, sondern auch ihren Produktionskontexten viel Bedeutung beimessen.

Im Jahr 2015, nachdem #NiUnaMenos Bewegungen im ganzen Land hervorgebracht hatte, initiierten wir das Projekt «Caravana Feminista. Mujeres por la vida digna y contra la violencia», (Feministische Karawane. Frauen für ein menschenwürdiges Leben und gegen Gewalt). Wir reisten durch das Land, um zusammen mit feministischen Kollektiven aus unterschiedlichen Städten Workshops zu verschiedenen Themen zu organisieren. Die Bildungsaktivitäten waren also eine Möglichkeit, andere Gefährtinnen zu treffen, und uns mit ihnen durch das gemeinsamen Tun und Denken zu vernetzen. Im ersten Jahr dieses Projektes ist unsere Publikation «Mujeres por la vida digna. Tejiendo feminismos desde abajo» (Frauen für ein menschenwürdiges Leben. Feminismen von unten entwickeln) entstanden – ein Text, der auf einer kleinen aktivistischen Recherche basiert und die Erfahrungen der Karawane widerspiegelt. Der Text zielte darauf ab, den Prozess der Bildung von feministischen Gruppen und Frauenorganisationen an verschiedenen Orten des Landes festzuhalten. Ausgehend von dieser Erfahrung, entstand das Red de Feminismos Populares y Desde Abajo, ein starkes Netzwerk, das uns heute ausgehend von unseren Besonderheiten und Unterschieden gemeinsam handeln und denken lässt.

Auf der anderen Seite haben wir in den letzten fünf Jahren eine Reihe von Seminaren, Vorträgen, Workshops, Buchpräsentationen und Lesezirkeln in Montevideo abgehalten. Es waren fruchtbare Aktionen des gegenseitigen Austauschs im Kollektiv sowie mit anderen in unserer Stadt aktiven Gefährtinnen. Meistens wurden wir bei diesen Aktivitäten von feministischen Gefährtinnen begleitet, die uns ihre Erfahrungen aus anderen Orten näher brachten, um uns einzuladen, weiterzudenken und von den verschiedenen Wegen zu lernen, die diese neue Zeit des Feminismus überall entstehen lässt.

Feministische Bildung ist für uns von großer Bedeutung, da sie uns erlaubt, von unserer Erfahrung und Subjektivität auszugehen, um die Welt zu verstehen, unsere Intuition in Worte zu fassen und in anderen unsere eigene Geschichte zu lesen. Sie bringt uns theoretische Fragen und Ergebnisse näher, die für Frauen relevant sind und oft von anderen Arbeitsbereichen ausgeschlossen werden. Es ist eine Gelegenheit, sich mit Themen zu befassen, die weder in der formalen Bildung noch in der linken politischen Bildung zu finden sind. Es ist auch eine Möglichkeit, das Vermächtnis anderer zurückzuerobern, sich zu erinnern und unsere eigene Genealogie von Frauen im Kampf aufzubauen. Frauen waren lange Zeit von der formalen Bildung ausgeschlossen, nicht nur, weil wir bestimmte Studienorte und/oder -bereiche nicht betreten konnten, sondern weil wir, selbst wenn wir heute einen formalen Zugang erhalten, nicht über die Themen sprechen, die uns interessieren oder die unser tägliches Leben ausmachen. Es gibt weder eine Diskussion über unsere Geschichte, unsere Kämpfe, noch gibt es Raum für das Studium feministischer Theorien. Gegen die Unsichtbarkeit und die Produktion von Vergessen erlaubt uns die feministische Bildung, unsere Subjektivität als Ausgangspunkt zu nehmen, um aus unseren Erfahrungen und Anliegen Wissen aufzubauen, ohne jedwede Form von Objektivismus anzustreben.

Wenn wir darüber nachdenken, wie wir uns verhalten und welche Bedeutung Bildung für uns hat, führt uns das dazu, den Begriff des Wissens zu problematisieren und uns zu fragen, welchen Platz die Reflexion, das Denken in der feministischen politischen Praxis einnimmt. Wir wollen uns die feministische Theorie und feministisches Wissen nicht in Form von Belesenheit, Disziplin oder Indoktrination zu eigen machen, sondern um unsere Erfahrung zu verstehen und unsere Intuitionen in Worte zu fassen. Wir stimmen mit unserer Gefährtin Susana Draper (2017) darin überein, dass Reflexion uns erlaubt, Denken und Handeln zu artikulieren, aus dem Protest hervorzutreten, um neue Welten zu imaginieren und die Geschichtlichkeit unserer Kämpfe zu problematisieren sowie die Prozesse, die wir durchleben, zu durchdenken und zu benennen.

Als einen Schlüsselaspekt für die Vorstellung einer feministischen Revolution erkennen wir auch, was Draper formuliert: «die Veränderung der Bedeutung von Revolution geht mit der Möglichkeit einher, den Sinn des Philosophierens zu überdenken, ohne ihn dabei, abseits der Vorrangstellung der akademischen Abstraktion, auf einen bloßen Aktivismus der Unmittelbarkeit zu reduzieren.» (Draper 2017: 175). Die feministische Bildung scheint auf diese Weise zu einer visionären Politik beizutragen, wie Boggs es nannte, das heißt, zu einer philosophischen und poetischen Praxis zu gelangen, die die Fähigkeit in den Mittelpunkt stellt, die Vorstellungskräfte zu entfalten, um andere Formen von Gemeinschaft und Gesellschaft zu ersehnen (Draper 2017: 176).

Ein weiteres zentrales Element unserer Vorstellung von Bildung ist unsere Überzeugung, dass Bildung eine kollektive politische Aufgabe ist. Da wir unsere Unterschiede kennen, ist es ein politisches Anliegen des Kollektivs, dass wir uns alle bilden, weshalb wir diesem Ziel Zeit und Energie widmen. Während wir jede Frau ermutigen, ihren eigenen Bildungsweg zu gehen und den Lesestoff je nach eigenen Interessen und Anliegen zu wählen, wissen wir sehr gut, dass nur diejenigen autodidaktische Bildung realisieren können, die auch Zeit dafür aufwenden können. Daher glauben wir, dass es sich um eine zentrale politische Frage handelt, die nicht individuell zu lösen oder auf die Bildung von Kadern zu reduzieren ist (wie es in gemischten politischen Organisationen allgemein üblich ist).

Die Bildungsveranstaltungen sind eine Form, über unsere Zeit zu verfügen – eine Zeit, die wir uns nehmen und die wir uns selbst widmen. Fortlaufende Bildungsaktivitäten als Teil des täglichen, kollektiven Lebens implizieren die Erkenntnis, dass die Zeit im Leben von Frauen knapp ist und dass wir nicht zulassen können, dass unsere Selbstbildungsprozesse von den zeitlichen Möglichkeiten abhängen, die sich außerhalb des Kollektivs bieten. Wir hoffen jedoch, dass die Veranstaltungen als Auslöser und Einladung zum Lesen dienen, das sich dann in anderen Lebensbereichen und zu anderen Zeiten vollziehen kann. Andererseits ist die Horizontalität für uns eher das Ziel als der Ausgangspunkt. Dies erlaubt uns, die jeweiligen Unterschiede im Wissen und in den zeitlichen Möglichkeiten zum Lesen und Studieren anzuerkennen, um von dort aus zu arbeiten. Ausgehend von den unterschiedlichen Bildungswegen jeder Einzelnen, entwickeln wir verschiedene Strategien und suchen nach Varianten, wie jede Einzelne ihr Wissen ins Kollektiv einbringen kann, damit es zu einem gemeinsamen Wissen wird.

Die Bildungsaktivitäten ermöglichen Momente, in denen wir beratschlagen, laut denken und uns Fragen stellen, was uns bessere Instrumente für die Entscheidungsfindung an die Hand gibt. Die Lektüre, das Studium und der Austausch als Kern der Bildung helfen uns, darüber nachzudenken, welche Themen der Kampf aufmacht und welche Herausforderungen er mit sich bringt. Darüber hinaus sind es Zusammenkünfte, die zur Erkenntnis verhelfen, dass wir alle Dinge zu lernen haben und dass wir nicht nur aus den Texten, sondern auch aus der Debatte, aus dem Austausch miteinander und mit anderen Gefährtinnen lernen. Darin bestand die treibende Kraft für die Gründung der Schule für Feministische Bildung – die Eröffnung von Reflexionsprozessen mit anderen, um Räume der Begegnung und Bildung zu schaffen, die unser Netzwerk stärken und dem Kampf neue Impulse geben.

Schließlich sind wir der Ansicht, dass unsere eigenen Publikationen ein grundlegendes Instrument in unseren Bildungsprozessen waren. Unsere Bücher, Leitfäden und Kolumnen haben uns geholfen, das Gelernte zu systematisieren, sodass wir nicht immer wieder von vorne beginnen. Das Schreiben erlaubt es uns, Ideen herauszuarbeiten, damit wir von dort aus weiterdenken können, damit das, was wir bereits systematisiert haben, in Umlauf gebracht und mit anderen Gefährtinnen diskutiert werden kann, um neue Fragen zu eröffnen, denn Fragen laden uns stets ebenso stark zum Denken ein wie Antworten.

 

Gedächtnis des Kampfes. Zeit der Rebellion

Wir sind Teil dieser Zeit des Kampfes, die im Zusammenwirken mit anderen entstanden ist. Daher möchten wir kurz über diese Jahre der wiederauflebenden feministischen Rebellion im Land berichten.

Ende 2014 waren wir an der Organisation des «Primer Encuentro de Feminismos del Uruguay» (Erstes Treffen der feministischen Bewegungen in Uruguay) beteiligt, einer Veranstaltung, an der rund 400 Gefährtinnen teilnahmen. Es war nicht das erste Treffen von Feministinnen im Land, aber es war das erste, das Feminismen im Plural benannte (Coordinadora de Feminismos, 2018). Es brachte Organisationen, die aus vergangenen Zeiten noch existierten, mit neuen Gruppen, die sich hauptsächlich aus sehr jungen Frauen zusammensetzen, und nicht organisierte Feministinnen zusammen. Auf dem Treffen bildeten sich drei relevante Elemente heraus, die heute den Kontext des Feminismus im Land charakterisieren: (a) die in der Schlusserklärung enthaltene Losung, «die Bewegung in Bewegung setzen», die sowohl von der Absicht, den Feminismus wieder zu einer aktiven sozialen Bewegung zu machen, als auch von einer Anerkennung und kritischen Wahrnehmung des Augenblicks zeugt; (b) der Vorschlag der feministischen Alertas[5] als einer Straßenaktion angesichts jedes einzelnen Feminizids; und (c) die Einrichtung der Coordinadora de Feminismos als Organisation für die politische Artikulation der Bewegung (Furtado/Grabino, 2018). Darüber hinaus wurde die Bereitschaft geäußert, am 8. März erneut einen gemeinsamen Marsch zu organisieren, was 2015 verwirklicht wurde. Im Rahmen dieses Impulses begannen sich wiederum die Protestmärsche von Ni Una Menos zum 3. Juni in den Jahren 2015, 2016, 2017 und 2018 zu realisieren.

Als Feministische Alertas[6] wird eine Form des Kampfes am Südkegel[7] bezeichnet, der die Anprangerung der Femizide und der vielfältigen Formen der Gewalt, die wir Frauen erleben, in den Mittelpunkt stellt. Fast wöchentlich, jedes Mal, wenn ein Feminizid geschieht, auf der Straße zu sein, macht die Besetzung des öffentlichen Raums zu einer alltäglichen Erscheinung – und verstärkt die Vorstellung, dass es Frauen möglich ist, ihn für sich einzunehmen –, während sich gleichzeitig die Möglichkeit eröffnet, neue Formen politischen Handelns auszuprobieren (Furtado/Grabino, 2018). Zudem hilft diese Praxis, «einen Horizont der Möglichkeiten zu visualisieren, einen Weg, die Gewalt zu stoppen, der sich aus den täglichen Widerständen speist und auf Selbsthilfe-Netzwerke stützt» (Coordinadora de Feminismos, 2018:219). Neben anderen feministischen Mobilisierungen ist dies ein wichtiger Faktor der symbolischen und politischen Autonomie, denn wir sind es, die sich organisieren. Diese Fähigkeit, Räume/Zeiten politischer und symbolischer Autonomie zu schaffen, hat zu einer wachsenden Aufwertung der Beziehungen zwischen Frauen geführt, und das ist es, was dem Kampf Kraft verleiht (Menéndez, 2018b). Es handelt sich um eine Kraft, die ausgehend von verschiedenen Orten aus formellen und informellen Veranstaltungen entstanden ist und weiter kultiviert wird, wie z.B. durch feministische Gruppen und Kollektive sowie Frauengruppen aus den gemischten Basis-Organisationen. Die Alertas sind eine innovative Art von Kundgebung für unseren Kontext mit einer für Frauen typischen Sprache und Ästhetik, sie stellen neue Wege der Sichtbarkeit auf der Straße und bei der Besetzung des öffentlichen Raums dar, die dann bei anderen Mobilisierungsaktionen wieder aufgegriffen werden (Furtado/Grabino, 2018).

Andererseits sind die internationalen Frauenstreiks auch besonders im Süden, wo wir leben, verankert. In Uruguay wurde der erste Frauenstreik für den 8. März 2017 ausgerufen. Das Mittel steht im Einklang mit internationalen und regionalen Prozessen, ist jedoch, wie oben erwähnt, im Kontext eines mehrjährigen Kampfes gegen Gewalt entstanden. Mit anderen Worten, die Massenmobilisierungen zum 8. März der letzten drei Jahre «waren möglich, weil zuvor angesichts der Feminizide Empörung herrschte, ein anhaltender Schrei ertönte, in dem es “ni una menos” (nicht eine weniger) hieß, es gab Treffen unter uns, es gab die Praxis der Alertas auf der Straße, es gab Vernetzungen verschiedener Geographien, es gab Richtungskonflikte: Es gab, kurz gesagt, Organisation und Kampf» (Furtado 2018: ohne Seitenangabe).

Neben der zunehmenden geographischen Ausdehnung und der öffentlichen Sichtbarkeit in den Medien bedeutete die Demonstration in Montevideo im Jahr 2017 auch einen Sprung in Bezug auf die Größenordnung. Etwa dreihunderttausend Menschen nahmen daran teil. In den Jahren 2018 und 2019 waren die Proteste in Montevideo erneut massiv und verteilten sich über das ganze Land. Insbesondere im Jahr 2018 wurden Frauen in den Bereichen Sorgearbeit, Produktion und Konsum zum Streik aufgerufen, und 2019 wurde ein Streik unter der Losung «Feministischer Streik» initiiert. Dies forderte Frauen, Lesben und trans-Personen dazu auf, uns zwar als Frauen zu benennen, wenn es um die politische Kategorie geht, aber gleichzeitig unserer Verantwortung nachzukommen, den Unterschieden zwischen uns, Rechnung zu tragen und deutlich zu machen, dass queere Menschen heute und seit jeher Teil des Kampfes sind (Furtado/Sosa, 2020).

 

Wovon wir wissen, dass wir es wissen

Bei ihrem letzten Besuch in Uruguay provozierte Raquel Gutiérrez uns mit der Frage: «Wovon wisst Ihr, dass Ihr es wisst?» Diese Frage ist uns in Form der dringenden Aufgabe präsent geblieben, weiter zu präzisieren, was wir in diesen Jahren gelernt haben und was wir nicht vergessen dürfen. Diese Zeit der Rebellion, die wir heute erleben, ist eine Zeit des intensiven Lernens, ein Moment, in dem wir neue Formen der Politik ausprobieren und gleichzeitig unsere Lebenserfahrung und unseren Kampf neu ordnen. Weiterhin zu systematisieren, was wir wissen, stellt für uns einen fruchtbaren Weg dar, um uns neue Fragen zu stellen und die Herausforderungen anzugehen, die der Kampf eröffnet.

In unserer Publikation über feministische Betrachtungen zur Neuerfindung des Kampfes bringen wir zum Ausdruck, dass wir gelernt haben, die Begegnung in den kollektiven Räumen, die wir erhalten konnten, zu genießen, und dass wir erkannt haben, wohin wir nicht zurückkehren wollen, welche affektiven, beruflichen und politischen Bindungen wir nicht reproduzieren wollen, weil wir andere Arten des Tuns und Seins erfahren, die unserer Existenz und unserem Wunsch, glücklich zu sein, würdig sind (Minervas, 2018).

Aus unserer mehrjährigen aktiven Erfahrung in einer Frauenorganisation wissen wir, dass wir nicht alle gleich sind und dass dies kein Problem, sondern eine Kraft bedeutet. Wir haben gelernt, dass der Horizont einer Gleichheit uns in der gemischtgeschlechtlichen Welt eine Falle gestellt hatte und dass dies, wenn wir nicht aufpassen würden, auch eine Falle für das war, was wir aus unserer feministischen Erfahrung schufen. Über unsere Unterschiede und ihre Macht sagen wir in unserem Buch: «Jede hat ihre eigene besondere Erfahrung, die im Körper wohnt und gelebt wird. In dem Bestreben, unser <Wir> zu kultivieren, versuchen wir auf tausend Arten, Unterschiede einzubinden und zu berücksichtigen. Wir haben uns gefragt: Ist es möglich, dass diese Unterschiede keine Quelle der Dominanz sind? Ist es möglich, sie nicht zu hierarchisieren? Können wir ihnen entsprechen, sodass sie in ihrer Reibung kreative Praktiken freisetzen? Können wir uns gegenseitig eine Quelle der Stärke und des Mutes sein und nicht die historische Feindschaft kultivieren, die andere uns aufzwingen wollten?» (Minervas, 2018: 10).

Wir wissen, dass es möglich ist, uns als Verschiedene miteinander zu verbinden, um den Kampf anzustoßen und unsere vielfältigen Stimmen und unseren gemeinsamen Schrei in den öffentlichen Raum zu tragen. Mit viel Mühe und zugleich viel Lebensfreude haben wir feststellen können, dass die Fähigkeit, Räume/Momente zu schaffen, die Unterschiede aufnehmen, das Gemeinsame erkennen lassen und ungewöhnliche Allianzen hervorbringen, einer der Schlüssel ist, der die Ausweitung der Revolte ermöglicht hat (Minervas, 2018: 10). Diesem Unterschied gerecht zu werden, uns als Frauen, Lesben, Transpersonen und Travestis aufzurufen, uns aus unseren Erfahrungen, aus den Kämpfen jeder einzelnen heraus miteinander zu vernetzen, bedeutet eine konkrete Praxis.

Verbunden mit dem Erbe der Feministinnen aus früheren Kämpfen, haben wir gelernt, wie dringlich es ist, Rassismus, Kolonialismus, Extraktivismus[8] und die Prekarität des Lebens in Lateinamerika zu verstehen und zu bekämpfen. Als Netzwerk prekärer städtischer Frauen wissen wir, dass es wesentlich ist, die Beziehungen zwischen uns neu zu gestalten und Gemeinsamkeiten vor dem Hintergrund wirtschaftlicher, patriarchaler und rassistischer Verhältnisse herzustellen. Von jeder einzelnen auszugehen und die konkrete Realität jeder einzelnen zu berücksichtigen steht im Gegensatz zu einer Fragmentierung. Es ist genau das, was uns ermöglicht hat, uns zu vervielfältigen und den Streik so weit auszuweiten, dass er von den gewerkschaftlich organisierten Arbeiterinnen bis zu den Straßenverkäuferinnen alle umschließt (Menéndez 2018b). Wenn wir die Erfahrung der internationalen Frauenstreiks betrachten, sehen wir die Fruchtbarkeit und Macht, die ermöglicht wird, wenn die Kämpfe der Frauen nicht nur aufhören, unsichtbar zu sein, sondern auch versuchen, die Fallen der Instrumentalisierung und Unterordnung zu vermeiden, sich mit kreativer Energie zu verbinden und diese vor jedweder möglichen Vereinnahmung zu verteidigen (Furtado/Sosa, 2020).

Wir bestehen darauf, zu sagen, dass der Streik Gewebe (Menendez 2018a) und Prozess (Gago 2018), Aktion und Frage (Draper 2018) ist. Dieses Gewebe, das das ganze Jahr über geknüpft wird und jene aufwertet, die es von jeher aufrechterhalten haben, hat dem Feminismus ermöglicht, seine feine Struktur zu festigen und Radikalität mit Massivität zu verbinden. Wir stimmen mit Raquel Gutiérrez (2019) darin überein, dass diese erneuerten Feminismen über einen wirksamen Selbstverstärkungsmechanismus verfügen, der sie artikuliert und stärkt. Dieser Feminismus ist nicht nur massiv, weil er sich in massiven Mobilisierungen ausdrückt, sondern auch, weil er in differenzierter Weise eine wachsende Zahl unterschiedlicher Frauen involviert, was eine Vehemenz erzeugt hat, die sowohl von der Verdichtung seines Netzwerks als auch von seiner Ausweitung ausgeht. Er ist gleichsam radikal, da er verschiedene gesellschaftliche Institutionen wie Arbeit, Familie, Mutterschaft und Kirche gleichzeitig in Frage stellt und insofern die Reproduktion des Lebens in den Mittelpunkt stellt (Federici, 2010). Es ist sogar sehr wichtig, dass beide Aspekte zusammen und nicht ausschließend oder entgegengesetzt verstanden werden, wie es üblicherweise von der männlichen Linken gedacht wird (Gutiérrez 2019). Dass der Feminismus an Radikalität gewonnen und seine Vehemenz aufrechterhalten und ausweiten konnte, stellt die übliche Vorstellung in Frage, nach der ein schnell ausgeweiteter Kampf sich nur hält, wenn er an Tiefe und Vielstimmigkeit einbüßt; oder anders ausgedrückt, die Vorstellung wird hinterfragt, dass es zur Aufrechterhaltung politischer Radikalität ausschließlich kleiner stark überzeugter Gruppen bedarf (Furtado/Sosa, 2020).

Wir haben gelernt, wie radikal es ist, unter uns zu sein, nicht um das Leben mit anderen zu meiden, sondern um die patriarchalen Trennungen und Vermittlungsversuche zu vermeiden, auszuhöhlen, zu verhindern und rückgängig zu machen. Durch unsere Praktiken der Selbsterfahrung und unsere Bildung, bei Begegnungen mit anderen Kollektiven und anderen Einzelpersonen, gewannen wir Klarheit und Gewissheit darüber, was wir intuitiv ahnten: «Wenn der patriarchale Pakt im Bündnis der Männer gegen uns und auch in der Trennung der Frauen von ihresgleichen besteht, dann sind politische Praktiken wie die unseren, die die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung unserer Bindungen in den Mittelpunkt stellen, einige der wichtigsten den Pakt zersetzenden Substanzen» (Gutierrez, Reyes, Sosa, 2018).

Wir wissen, dass eine weitere Herausforderung darin besteht, nicht wieder aus der Geschichte oder aus unserer eigenen Erinnerung an den feministischen Kampf gestrichen zu werden. Da Vergessen und Spaltung konstant vor sich gehen, müssen wir uns immer wieder fragen, wie wir erreichen, dass dies nicht geschieht, und wie wir es vermeiden, Genealogien zugeschrieben zu werden, die wir nicht teilen. Es ist aber auch eine Herausforderung, zu bedenken, was wir hinterlassen und wie wir unsere Kampferfahrung langfristig an jene Gefährtinnen weitergeben, die sich jeden Tag neu anschließen und feministische Verbindungslinien aufbauen (Sosa, 2019).

Schließlich wissen wir auch, dass es eine konservative Gegenoffensive gibt. Im Süden schreitet das politisch-militärisch-religiöse Bündnis der faschistischen Rechten voran, aber wir dürfen weder vergessen noch verkennen, dass dieser Vormarsch eine Antwort auf unseren Kampf darstellt und aus dieser Perspektive zu interpretieren ist. Für uns ist offensichtlich, dass diese Gegenoffensive versucht, uns zurückzudrängen, zu verleugnen, zu beschuldigen und zu kriminalisieren. Aber wir wissen genau, dass uns die Verteidigung gegen diese vom rechten Flügel propagierte materielle und symbolische Rückverortung von Frauen, die uns an Orte zurückführen will, aus denen wir ausgebrochen sind, nicht interessiert – wir kehren nicht zum Gehorsam unter die patriarchale Herrschaft zurück, wir wollen uns nicht mehr mäßigen.
Wie es Raquel Gutiérrez formuliert hat, werden wir nicht akzeptieren, die Opfer des stillschweigenden Abkommens zur Bewahrung der männlichen Privilegien zu sein.

Die autonome Perspektive beizubehalten und das feministische Engagement zu verdoppeln, bedeutet nicht, das Problem des faschistischen Vormarschs zu vernachlässigen, sondern im Gegenteil, es setzt das Verständnis voraus, dass dieser antikapitalistische und antikoloniale Feminismus, den wir aufbauen, das radikalste emanzipatorische Projekt ist, durch das sich die Horizonte der sozialen Transformation heute neu denken lassen. Wir wissen, dass wir die Kämpfe miteinander verknüpfen und neu erfinden müssen, um allen ein menschenwürdigeres Leben zu ermöglichen. Wir wissen, dass ohne Netzwerke zwischen uns keine Transformation möglich ist. Und wir wissen, dass wir füreinander da sind.

Übersetzung von Camilla Elle & Susanne Munz für Gegensatz Translation Collective

 

Verweise

[1]  Im Spanischen wird das Personalpronom wir gegendert: nosotras im Originaltext bedeutet die weibliche Form von wir. (Amn. d. Ü.)

[2] Minervas (2018): Momento de paro. Tiempo de rebelión. Miradas feministas para reinventar la lucha. Montevideo: Minervas Ediciones, Selbstverlag.

[3] Als feminismo popular bezeichnet sich eine feministische Strömung von Frauen aus armen und marginalisierten Bevölkerungsgruppen, die in den 1980er Jahren entstanden ist. (Anm. d. Ü.)

[4] Ins Spanische wurde der Begriff sowohl mit Bewusstmachung als auch mit Bewusstseinsbildung übersetzt.

[5] Alertas: Warnmeldung, Alarm; spezifische Protestform, siehe nächste Fußnote. (Anm. d. Ü.)

[6] Feministische Alertas werden die von der Coordinadora de Feminismos Uruguays als Reaktion auf jeden Feminizid ausgerufenen Mobilisierungen genannt. Die erste fand im Dezember 2014 in Montevideo statt. Seitdem wurden sie beibehalten und auf andere Städte des Landes ausgeweitet. Sie sind Teil des Ausdrucks der heutigen uruguayischen feministischen Bewegung. Nach dem Marsch durch die Avenida 18 de Julio sangen die Frauen zusammen ein Lied und verbanden sich in einer kollektiven Umarmung. Man nennt dies “Schneckenumarmung”, weil die Frauen eine Spirale bilden, indem sie sich an den Händen halten, während einige von ihnen beginnen, sich um die Innenseite des Kreises zu drehen und eine Spirale entstehen lassen, die sich zur Mitte hin schließt, bis die Frauen in Form einer Schnecke ihre Hände beim Singen in einer Reihe heben (Grabino und Furtado, 2018).

[7] Der Südkegel (spanisch Cono Sur) ist eine Bezeichnung für den in etwa dreiecksförmigen südlichsten Teil Südamerikas. Er umfasst in der engeren Definition die Staaten Argentinien, Chile und Uruguay. In einer weiteren Definition werden auch Paraguay sowie einige Bundesstaaten Brasiliens (Rio Grande do Sul, Santa Catarina, Paraná, São Paulo) dazu gezählt. (Anm. d. Ü.)

[8] Extraktivismus steht für eine auf Rohstoff-Export und häufig auf Raubbau begründete Ökonomie, die weitgehend auf die Weiterverarbeitung dieser Ressourcen verzichtet. Das geschieht oft zum Nachteil lokaler indigener Gemeinschaften und der Biodiversität. (Anm. d. Ü.)

 

 

Literatur

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Draper, Susana (2018): Streik als Prozess, Die Poetiken eines neuen Feminismus, in: 8M – Der große feministische Streik Konstellationen des 8. März, Hrsg. Gago/Gutiérrez Aguilar/Draper/Menéndez Díaz/Montanelli/Bardet/Rolnik. Übers. v. Michael Grieder/Gerald Raunig. eipcp Wien, Linz, Berlin, London, Málaga, Zürich: transversal texts, 67-91.

Draper, Susana (2017): Para imaginar revoluciones del día después: mujeres marxistas y filosofías de transformación, in: Escrituras Americanas, Volumen 2, Nummer 2, S. ff. 172-195.

Federici, Silvia (2010): Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Übers. v. Max Henninger. Wien: Mandelbaum Verlag, 2012.

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Furtado, Victoria/Grabino, Valeria (2018): Alertas feministas: lenguajes y estéticas de un feminismo desde el sur, in: Observatorio Latinoamericano y Caribeño, Nummer 2, S. 18-38.

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Gago, Verónica (2018): #Nosotras paramos: Notizen zu einer politischen Theorie des feministischen Streiks, in: 8M – Der große feministische Streik Konstellationen des 8. März, Hrsg. Gago/Gutiérrez Aguilar/Draper/Menéndez Díaz/Montanelli/Bardet/Rolnik. Übers. v. Michael Grieder/Gerald Raunig. eipcp Wien, Linz, Berlin, London, Málaga, Zürich: transversal texts, S. 31.

Gutiérrez Aguilar, Raquel (2019): Desborde feminista: bucle virtuoso de masividad y radicalidad. Interview mit Mercedes Echeverry und Diego Castro, in: Zur, 21. April 2019, Montevideo, unter: http://www.zur.org.uy/content/desborde-feminista-bucle-virtuoso-de-masividad-y-radicalidad. Letzter Zugriff 5. Juni 2019.

Gutiérrez Aguilar, Raquel/ Sosa, María Noel/Reyes, Itandehui (2018): El entre mujeres como negación de las formas de interdependencia impuestas por el patriarcado capitalista y colonial. Reflexiones en torno a la violencia y la mediación patriarcal, in: Zeitschrift Heterotopías, Nummer 1, S. 53-67.

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Veras Iglesias, Gabriela/Rodríguez Lezica, Lorena (2020): Espejos unas de otras: autoconciencias en Minerva, in: Cuerpos Territorios y Feminismos. Compilación latinoamericana de teorías, metodologías y prácticas políticas, Hrsg. Machado Magalhaes. Abya Yala y Bajo Tierra Ediciones.

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