Denkmalsturm in Chile

Indígenas wehren sich

Denkmalsturm in Chile

Ende letzten Jahres kam es auf dem Hauptplatz der südchilenischen Stadt Concepción zu einem Akt der „Rebellion“, manche würden sagen der Befreiung. Jedenfalls zu einem Ereignis, das bis dahin undenkbar schien. Demonstranten zogen mit aller Kraft an einem Seil, das sie der Statue des spanischen Eroberers von Chile, Pedro de Valdivia, um den Hals gebunden hatten. Als dieser schließlich kopfüber vom Sockel stürzte, grölte die Menge angesichts des symbolbeladenen Aktes. Ein Denkmalsturz inmitten eines sozialen Aufruhrs.

In jenen Monaten täglicher Demonstrationen in dem aufgewühlten südamerikanischen Land, mittlerweile als „Oktober-Proteste“ bekannt, stürzten noch weitere Conquistadores und Unterdrücker des indigenen Mapuche-Volkes. Es wurde an vielen Podesten von Generälen gesägt, die Namensgebung von manch Diktatur-Unterdrücker für öffentliche Plätze hinterfragt. Plötzlich stand und steht in Chile alles auf dem Prüfstand. Nicht nur das Sozial- und Wirtschaftsmodell, sondern auch die politischen Grundfesten des Landes, die es zu dem gemacht haben, was es heute ist.

Experten sehen in den Denkmalstürmen eine Reaktion auf und gegen den chilenischen Nationalstaat. Dieser leugne mit seinem ausschließlichen und ausschließenden Charakter die ethnische und kulturelle Vielfalt des Landes, erklärt Jorge Saavedra, der zu sozialen Bewegungen forscht. Und dieser Nationalstaat sei in der Ausprägung, wie man ihn in Chile, aber auch in den meisten anderen Staaten des Subkontinents findet, nichts anderes als die „Fortsetzung des kolonialen Erbes“, betont der Professor an der britischen Cambridge-Universität. Es sei ein „Staat, der das Subjekt, seine Wurzeln und seine Gewohnheiten verleugnet.“

Die aktuellen Machthaber in Lateinamerika repräsentierten eine weiße, kleine europäisierte Elite, die „alles Primitive, nicht Westliche als ignorant und hässlich ablehnt“, unterstreicht Saavedra. „Sie haben die Ureinwohner über Jahrzehnte diskriminiert und halten sich für den Gipfel der Zivilisation“, kritisiert Saavedra. „In diesem Sinne kreuzen sich die aktuellen sozialen Proteste mit der Sache der Indigenen.“ Bei beiden Gruppen und Bewegungen würden Stimme und Kultur, also das jeweils „andere negiert“. „Das ist übergreifend, hier finden die Gruppen Übereinstimmung.“

Diese Einschätzung deckt sich mit einer simplen Beobachtung bei den Protesten des vergangenen Jahres in Chile. Auf keiner Demonstration fehlte die blau-grünrot-gelbe Fahne der Mapuche-Ureinwohner. Sie nahm sogar die Qualität eines Banners der Proteste an.

Insofern hätten die Denkmalstürze eine „innere Logik“. Städte und Monumente in Chile und anderswo in Iberoamerika seien „gebaut durch unterdrückerische Nationalstaaten, die sich zwar von den Kolonien und Kolonisatoren formell unabhängig gemacht hätten, aber ihren Gesetzen und ihrer Machtausübung“folgten, erläutert Forscher Saavedra im Gespräch. „Dies hat sich in eine jahrzehntelange und permanente Diskriminierung übersetzt“.

Der Abbau der Statuen sei aber nicht nur der Bruch mit denjenigen, meist militärischen Führern, die an die Unterdrückung durch die Vorväter erinnerten. „Es ist auch eine Art Rückeroberung der Städte durch diejenigen, die sie bewohnen“. Der Historiker Sergio Grez von der „Universidad de Chile“ in Santiago spricht von einer „notwendigen Revision der Geschichte“. Nur so könnten überkommene Strukturen tiefgreifend verändert werden.

Ähnliche Entwicklungen wie die in Chile hat es nach Angaben der Experten früher bereits in Ländern wie Argentinien, Peru und Bolivien gegeben. Allerdings weniger laut, weniger vehement und weniger erfolgreich. Denn in Chile haben die Massenproteste des vergangenen Jahres schon jetzt einen großen Erfolg gezeitigt: Sie haben der rechten Regierung von Präsident Sebastián Piñera ein Verfassungsreferendum abgetrotzt, das über ein anderes als das vorherrschende neoliberale Sozial- und Wirtschaftsmodell befinden soll.  Nahezu vier Fünftel der Wahlbeteiligten stimmten am 25. Oktober für die Einberufung eines Verfassungskonvents.

Bolivien

Im Rest des Subkontinents erinnert man sich vor allem an die Wahl von Evo Morales zum Präsidenten Boliviens im Jahre 2006. Dieser war Ende der 1990er-Jahre eine Bewegung vorausgegangen, die eine „Besinnung auf zentrale Elemente der eigenen Lebensform“ einfordert, wie Jorge Saavedra betont. Ende 2019 wurde Morales unter dem nicht bewiesenen Vorwurf, er habe bei der Präsidentenwahl Stimmen manipuliert, von Massenprotesten und einer Rechtskoalition zum Rücktritt gezwungen – bei der Wahl am 18. Oktober triumphierten Morales´ frühere Minister Luis Arce und David Choquehuanca von der Bewegung zum Sozialismus mit 55 Przent der abgegebenen Stimmen.

Mexiko

Eine der jüngsten Konfliktlinien in dem Spannungsfeld Vergangenheit und Gegenwart, Kolonialismus und Diskriminierung verläuft zwischen Mexiko-Stadt  auf der einen und Madrid und dem Vatikan auf der anderen Seite. Völlig unerwartet forderte Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador im März 2019 nur wenige Monate nach seinem Amtsantritt eine Entschuldigung von der Krone in Madrid und von Papst Franziskus für die Verbrechen an den Ureinwohnern während der Conquista. Diese Forderung, die in Briefen vorgetragen wurde, aber unerhört blieb und selbst in Mexiko Kritik hervorrief, wiederholte der linksnationalistische Staatschef noch einmal im November.

Es seien „keinerlei Beleidigungen“, sondern ein Prozess der Versöhnung zwischen Mexiko und Spanien, damit sie „die Zukunft als Brüder“ angehen könnten, argumentierte López Obrador. Schließlich hätten sowohl die katholische Kirche als auch die spanischen Eroberer während der „kolonialen Vorherrschaft“ die Ureinwohner unterdrückt. Die spanische Regierung blieb cool und antwortete: „Die Ankunft der Spanier vor 500 Jahren in den heutigen mexikanischen Gebieten könne man nicht vor dem Hintergrund heutiger Überlegungen sehen“, ließ Madrid nach Mexiko-Stadt übermitteln.

Kolumbien (September 2020)

In Argentinien, Bolivien, Chile und Venezuela gab es erfolglose, aber auch erfolgreiche Versuche, die Monumente von Kolumbus zu stürzen. Der Eroberer, in Lateinamerika Cristóbal Colón genannt, sei die bildhafte Präsenz für historische Unterdrückung, heißt es. Es ist eine Diskussion, die in Lateinamerika nicht am Ende ist, sondern gerade erst beginnt. Die Zeiten bleiben unruhig zwischen Mexiko im Norden des Subkontinents und Chile im südlichen Winkel Lateinamerikas. Die Region sucht ihre Identität jenseits von militärischen Führern und Eroberern. „Es ist die Suche nach einer einschließenden Demokratie, in der jeder Platz findet und seine Lebensform bewahren kann“, unterstreicht Cambridge-Professor Saavedra.



Rosa Luxemburg Stiftung