So long, old friend, Deine Zeit ist vorbei. Es ist Zeit für etwas Neues. Und für den Mut, etwas Neues zu erschaffen

Von Tadzio Müller, Rosalux-WSF-Blog

the end

Cheerio, miss Sophie

Zugegeben, Abgesänge auf das Weltsozialforum als Prozess sind wirklich nichts Neues: Same procedure as last year, miss Sophie? Same procedure as every year, James! Ähnlich, wie der Text zu UN-Klimagipfeln seit über 20 Jahren fast immer derselbe ist (‘Klimaschutz gescheitert, Klappe die x-te‘ – über die Ausnahme von Paris können wir gerne andernorts diskutieren), schreiben wir – also die schnell schrumpfende Zahl globaler Kommentator*innen, die sich noch mit dem WSF auseinandersetzen – über Weltsozialforen seit mindestens 2013, spätestens seit 2015 immer wieder dasselbe: weniger Leute, weniger Aufmerksamkeit, weniger Finanzierung, weniger Relevanz. Dann folgen ein paar argumentative Hilfskonstruktionen, die es uns erlauben, unser eigenes Interesse, unsere Reisekosten, unser organisatorisches Involvement zu begründen, was übrigens nicht bedeutet, dass die so gemachten Punkte keine Gültigkeit haben:

  • der Vorwurf der schrumpfenden globalen Relevanz der Foren wird oft mit einem stärkeren Fokus auf wachsende lokale/regionale/nationale Relevanz pariert, wie zum Beispiel in den starken Berichten von Niklas Franzen;

  • das Problem der schrumpfenden diskursiven Aufmerksamkeit für das Forum (trotz dieser wunderschönen Reportage) wird gelegentlich mit der Forderung gekontert, das Ganze doch wieder, wie zu Beginn des Forums, parallel zum World Economic Forum in Davos zu veranstalten;

  • das würde dann, so in Hintergrundgesprächen von finanzstarken Organisationen zu hören, dazu führen, dass wieder mehr Geld in den Prozess fließt, größere internationale Delegationen kommen könnten…

Und das gruseligste Argument habe ich selbst vorletztes Jahr, nach dem ersten Ersteweltforum in Montreal aufgeschrieben: Das WSF darf nicht sterben, weil es alternativlos ist, sprich, es braucht globale Koordinierung von Bewegungen, das WSF ist der einzige Ort, an dem sich Bewegungen über thematische Grenzen hinweg koordinieren, ergo muss das WSF weiterleben, und auch meine Arbeitgeberin sollte sich weiter aktiv daran beteiligen. Der Text hieß sogar „Es gibt keine Alternative“. Bald fang ich auch noch an, vom marktkonformen Sozialismus zu schwafeln, oder was? Im Ernst, wo kommen wir als Linke denn hin, wenn Alternativlosigkeit unser stärkstes Argument ist, eine Institution zu verteidigen, die einfach nicht liefert, was gebraucht wird?

Tabula Rasa anstatt wasserköpfiges WSF

Natürlich stimme ich Lorenz Gösta Beutin, dem neuen klima- und energiepolitischen Sprecher der Linksfraktion im Bundestag und ausgewiesenes Mitglied des internationalistischen Flügels seiner Partei, zu, wenn er in einem sehr schönen Text schreibt, dass das WSF einer der Orte ist, wo wir als relativ privilegierte im globalen Norden mit „dem Leben der Anderen“ konfrontiert werden, und mit der Art und Weise, wie unser (wieder: relativer) Wohlstand das Resultat und die Bedingung der absoluten Armut vieler Menschen im globalen Süden ist. Aber die Frage ist doch die (und hier würde ich mir manchmal wünschen, dass wir in der Linken das durch und durch kapitalistische Konzept der Opportunitätskosten ein bisschen mehr mitdenken würden): Ist es noch rational, unter den gebenenen Bedingungen – d. h., unter dem Zeitdruck, den die ökologische und andere Krisen verursachen; und angesichts unserer äußerst knappen organisatorischen und finanziellen Ressourcen – ein WSF zu organisieren, bei dem die Investitionen ganz offensichtlich dem Gesetz abnehmender Grenzerträge unterliegen, sprich, bei dem immer weniger herumkommt?

Oder wäre es sinnvoller, Tabula Rasa zu machen, sich in den unsicheren, erschreckenden Raum einer globalen organisatorischen Leere zu begeben, und dann zu schauen, was in diesem Raum möglich ist? Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass die meisten großen sozialen Bewegungen, die sich seit dem Beginn der organischen Krise des neoliberalen Kapitalismus 2008ff. konstituiert haben, das WSF einfach nicht als ihren Ort ansehen, ihre Realität ist also schon eine ohne das WSF. Und denen geht es weder besser noch schlechter, als denen, die sich (wie z. B. die Klimagerechtigkeitsbewegung – oh, wait, das stimmt ja dieses Mal auch nicht mehr) hier auf dem WSF noch vernetzen.

Kurz: Mein Vorschlag wäre, das Ding einzustampfen, ihm ein Begräbnis erster Klasse zu arrangieren, und dann einfach mal schauen, was aus der Masse kleinerer und mittelgroßer globaler Koordinierungszirkel und Initiativen heraussticht.

Das wäre auch eine Art und Weise, den Internationalen Rat des WSF (eine Ansammlung großkopferter Linker, die zum Teil schon seit den 1970er Jahren miteinander Politik machen) endgültig auszudribbeln. Dieses vermutlich nutzloseste ZK In einer langen Geschichte nutzloser linker ZKs sitzt irgendwie oben auf dem WSF-Prozess, trifft aber eigentlich keine Entscheidungen, hat keine transparenten Zugangsregeln, und ist überhaupt ein totaler Wasserkopf. Ach ja: Weil der IC nichts entscheiden kann, könnte er nicht einmal eine Auflösungserklärung formulieren. As the Donald would say: SAD!

Es fällt auseinander, was auseinander gehört

Jetzt aber nochmal kurz zurückspulen: Was war es denn in den vergangenen paar Tagen, das bei mir – der, wie gesagt, schon seit Jahren den selben WSF-Kommentar schreibt, und am Ende immer wieder zum Schluss kommt, man müsse doch mit dem WSF weitermachen – diese Positionsänderung erzeugte? Es war nicht die latent begräbnisartige Atmosphäre, die von einem Event ausging, das es nicht einmal gebacken kriegt, ein Programm zu drucken, und das sich gelegentlich mehr wie eine Wahlveranstaltung für einen Ex-Präsidenten anfühlte, der wahrscheinlich nicht einmal zur Wahl antreten darf (Spoiler Alert: Lula!).

Es war die zufällige Gleichzeitigkeit zweier Events am Donnerstagabend, die wie nichts anderes die Tatsache verdeutlichen, dass das Bündnis zwischen progressiven wohlfahrtsstaatlichen Regierungsprojekten auf der einen und radikalen sozial-ökologischen, antirassistischen und feministischen Bewegungen auf der anderen Seite (nb: das ist natürlich eine vereinfachende Dichotomie, z. B. steht ja die Landlosenbewegung hierzulande, die MST, geschlossen Seit’ an Seit’ mit der PT von Lula und Dilma), das nicht nur die Pink Tide in Lateinamerika ausmachte, sondern im weiteren Sinne die Basis einer globalen antineoliberalen Linken darstellte, endgültig zerbrochen ist.

Two households, both alike in dignity, in fair Salvador, where we lay our scene, from ancient grudge break to new mutiny… Das Ganze hat fast schon Shakespeare’sches Drama: Einerseits soll in einem der Fussballstadien der Stadt am Donnerstagabend ein Riesenevent stattfinden, so eine Art Expräsident*innengala der mittlerweile darniederliegenden linken Regierungsprojekte Lateinamerikas der vergangenen Jahre. Lula würde da sein, klar, ist ja Wahlkampf; andere Namen wurden genannt: von Zelaya (Honduras) über Mujica (Uruguay), von Kirchner (Argentinien) zu Bachelet (Chile), aber am Ende kam doch nur Zelaya, um Lula zu unterstützen. Was nicht Nichts ist. Und dass Lula immer noch ein Stadium rocken kann, zeigt Göstas Beitrag zum Event: „Dann steht dieser alte Mann auf, der eben noch scheinbar apathisch auf den Boden gestarrt hat und beginnt zu reden. Und es ist wie eine Naturgewalt, er reißt die Menschen im Stadion mit, er erzählt eine Geschichte von sozialen Kämpfen, von Würde, er erzählt von persönlichen Rückschlägen, er erzählt von der Kraft der sozialen Bewegungen und der Hoffnung und der Notwendigkeit, das Erreichte zu verteidigen und darüber hinauszugehen. Er spricht über Schwarze, Indigenas, Landlose, Frauen.
Das ist ja alles schön und gut. Aber hat er darüber gesprochen, warum die meisten sozialen Bewegungen, mit Ausnahme der mittlerweile durchaus klientelistisch verbrämten MST, seine Nachfolgerin Dilma Rousseff nicht verteidigt haben, als sie einem institutionellen Putsch zum Opfer fiel? Ich nehme auch an, dass er ausgespart hat, dass die PT auch von der Macht vertrieben werden konnte – by the way: Dilma wurde von ihrem eigenen Vize abserviert – weil sie Bündnisse mit verschiedenen Kapitalfraktionen einging, wie z. B. dem Agrokapital, das hier dafür verantwortlich ist, dass reihenweise ‘Verteidiger*innen der Erde’ umgebracht werden. Dass Brasilien in Lateinamerika quasi als subimperiale Dépendance des imperalistischen Projekts der KP Chinas fungiert hat, und die neuen ‘offenen Adern’ Lateinamerikas zuerst nach Brasilien, und von dort aus nach China laufen?
Dass also ein ganz erheblicher Teil der sozial-ökologischen Konflikte, die in Lateinamerika (z. B. in Bolivien, um die Straße durch den TIPNIS Nationalpark) toben, auf Prozesse zurückzuführen sind, die in Brasilien zwar nicht ihren Ursprung haben, aber von dort aus in Lateinamerika umgesetzt werden? Ich will hier gar nicht in toto die Debatte um linke Regierungen in Lateinamerika aufmachen, ich will nur darauf verweisen, dass ein unkritisches ‘Weiter so’ zu diesen Projekten ein bisschen so ist wie das, was gerade in der deutschen Sozialdemokratie passiert.
Anyway, irgendwie auch egal: Zu dem Event kamen irgendwo zwischen zwei- und viertausend Leute. In ein Fußballstadion. Augenzeugenberichten zufolge sah es dort aus, wie bei Donald Trumps Inauguration. Das Ganze war schon auch ein Flop. Nicht, dass mich das freut, mir wäre eine weitere Lula-Präsidentschaft um ein Vielfaches lieber als ein Wahlsieg des Faschisten Jair Bolsonaro (der leider in den Umfragen an zweiter Stelle hinter Lula liegt). Aber es soll bitte niemand behaupten, hier käme noch etwas programmatisch Neues an den Start. Die Pink Tide und mit ihr die Hoffnungen, die sie vielen von uns Linken in der Welt gab, ist schon lange verebbt.

Sonnenfinsternis
Genau diese Ebbe, diese ‘Sonnenfinsternis’ (so der Titel eines neuen Buches über das Scheitern der Pink Tide) war das Thema eines gleichzeitig auf dem Unicampus stattfindenden Workshops, der wie das genaue Gegenstück zum inhaltlich müden Abfeiern eines in seinen über Umverteilung und Wohlfahtrstaat hinausgehenden Versprechen gescheiterten Projektes erschien. Dort trafen sich die Häuptlinge des links-ökologischen und bewegungsnäheren Flügels des WSF um 5 Vorträgen von Männern (!) zuzuhören, die früher mal Teil der linken Regierungsprojekte waren, oder ihnen zumindest solidarisch gegenüberstanden, und heute zu scharfen Kritikern geworden sind. Damit dieser ohnehin schon viel zu lange Text nicht noch weiter ausufert, und weil die Genossen (und dann später in der Diskussion auch Genossinnen) so gute One-Liner geliefert haben, schreibe ich jetzt hier einfach mal die besten Zitate aus diesem wirklich spannenden Event auf, das vielleicht verdient hätte, die Bühne im Stadium mit Lula zu teilen.
Emilio Taddei aus Argentinien beginnt: Der Kontext dieser Diskussion ist „ein enormer Anstieg der systemischen Gewalt“ in Lateinamerika, nicht zuletzt zu sehen im Mord an der brasilianischen Aktivistin Marielle Franco. Die Prämisse dieser neuen Phase des Neoliberalismus in Lateinamerika sei die „Liquidation des Universalismus“. Ein Satz, der für mich eine erschreckende Resonanz in manchen Debatten der deutschen Linken hat. Wer sagt nochmal, dass offene Grenzen für Alle eine utopische Forderung sind, wenn das doch in der heutigen Zeit die universalistische Forderung an sich sein muss?
Alejandro Bendaña aus Nicaragua, ein ehemaliger sandinistischer Guerrillero, fragt mit zitternden Händen: „Was ist passiert? Und warum zum Teufel ist es passiert?“ „Aus der Loyalität zum Projekt wurde eine Loyalität zur Macht“, sagt er über die ehemaligen Sandinist*innen, heute Ortegist*innen in Nicaragua. Aber noch wichtiger (an die Genossin Sammlungsbewegung): „Ihre Konzeption der Demokratie ist eine autoritäre.“
Pablo Solón, ehedem einflussreicher UN-Botschafter Boliviens, heute scharfer Kritiker der Regierung von Evo Morales, argumentiert, es habe zwar einen Bruch mit dem Neoliberalismus in Bezug auf öffentliche Dienstleistungen gegeben, aber nicht in Bezug auf a) den Produktivismus der Regierungen; und b) die Logik der Macht, welche er im Kern als autoritäre bezeichnet. Bei ihm ist es die Stimme, die zittert, wenn er davon spricht, wie ein Lokal einer indigenen Menschenrechtsorganisation von Mitgliedern einer größeren Gewerkschaft angegriffen und zerstört wurde (Lausitzer Braunkohleblockaden, ick hör Euch trapsen). Seine Frage am Ende: „Haben wir nach zehn Jahren ‘Progresimo’ in Lateinamerika stärkere oder schwächere soziale Bewegungen?“ Antwort: schwächere. Und wieder zittert seine Stimme.
Am Ende bringt José Correa Leite, ehedem bei der PT, das Ganze auf den Punkt, wenn er fragt: „Was bedeutet es heute, links zu sein?“, wenn die linke Regierung im Bündnis mit dem Agrokapital, den Evangelikalen und der Waffenlobby steckt? „Was ist das Projekt des Wandels, das wir im 21. Jahrhundert brauchen?“ Das sind für mich die Kernfragen, zu deren Beantwortung das WSF nicht mehr fähig ist.
Als zum Ende der Diskussion einer sagt, dass die linken Regierungen nicht gehalten haben, was sie versprachen, interveniert Elizabeth Peredo aus Bolivien und fasst das Problem zusammen: „Genosse“, erwidert sie, „die linken Regierungsprojekte hatten niemals ein einheitliches Versprechen.“ Die Fragen, die uns damals trennten, und heute noch trennen, seien immer noch dieselben:

  • Produktivismus vs. Antiproduktivismus;
  • Zentralismus vs. Horizontalismus;
  • Patriarchat vs. Feminismus.

Und ich würde noch hinzufügen: Nationalismus vs. Globalismus.
Es geht also um nichts weniger als die Frage, was es heute heißt, links zu sein. Und für diese Debatten ist das WSF offensichtlich nicht mehr der richtige Ort. Daher: So long, old friend, Deine Zeit ist vorbei. Es ist Zeit für etwas Neues. Und für den Mut, etwas Neues zu erschaffen. Aber dafür sind wir ja Linke: weil wir den Mut haben, etwas zu fordern, etwas zu schaffen, von dem wir jetzt noch nicht wissen, wie es aussehen wird (z. B. den demokratischen Sozialismus). Eines weiß ich aber schon: So wie dieses WSF wird es mit Sicherheit nicht aussehen.

Ein Treffen der armen, ausgebeuteten und erniedrigten Klassen gibt es. Ich bin zum diesjährigen Weltsozialforum nach Brasilien gereist
Von Lorenz Gösta Beutin, MdB

Wenn in Rio de Janeiro die lesbische Menschenrechts-Aktivistin, Links-Politikerin und Mutter Marielle Franco von Killern auf offener Straße exekutiert wird, weil sie gegen die Routine brutaler Militärgewalt, Rassismus und Frauenhass aufsteht; wenn auf den Philippinen Umweltschützerinnen vom Diktator-Präsidenten Duterte als  »Terroristen« bezeichnet und zum Abschuss freigegeben werden – dann stellt sich die Frage: Was hat die Gewalt in diesen Ländern mit uns zu tun, mit mir?

Wenn in der Lausitz, im Rheinland, im Braunkohle-Verbrennungsweltmeisterland Deutschland ganze Dörfer abgebaggert werden; wenn Menschen ihre geliebte Heimat verlieren; wenn die Groko die verfehlten Klimaziele aufgibt und es in Mali so heiß wird, dass niemand das Haus verlässt; wenn ganzen Millionenstädten südlich vom Ballermann das Trinkwasser ausgeht – dann stellt sich die Frage: Was hat der Überlebenskampf von Hotelputzfrauen, Kleinbauern und Mädchen ohne Schulbesuch nur wenige Flugstunden von Bundesliga und »Tatort« mit unserem Alltag, mit meinem Alltag, zu tun?

Wenn sich in Davos die Superreichen und Supermächtigen alljährlich bei Kaviar, Champagner und riesiger Journalisten-Zirkus-Begleitband zusammenrotten, um vom Schweizer Steuerparadies aus ihren nächsten Beutezug zu planen; wenn in Chile, in Argentinien, in Brasilien, in Peru Multimillionäre und Banker die obersten Volksvertreter stellen, die von unseren Volksvertretern als mutige Reformer hofiert werden, während sie Sozial- und Wirtschaftsreformen einkassieren, die Millionen aus Misere und Verachtung geholt haben – dann stellt sich die Frage: Warum eigentlich machen wir, die wir eine gerechte Welt ohne Armut, Ausbeutung von Natur und Mensch und ohne Erniedrigung wollen, nicht auch so ein Klassentreffen?
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Ein Treffen der armen, ausgebeuteten und erniedrigten Klassen gibt es. Ich bin zum diesjährigen Weltsozialforum nach Brasilien gereist. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich das Leben in einem Land des globalen Südens, laufe durch Stadtteile aus Ziegelsteinen ohne Wasser, Strom und Kanalisation. 2001 wurde das Weltsozialforum aus der Taufe gehoben – als Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum der Eliten in Davos, den G7- und G20-Veranstaltungen. 20 Jahre nach Ende des Kalten Krieges wurde Geschichte wieder gemacht. Der neoliberale Washington Consensus war rissig geworden, eine andere Welt schien möglich, die Historie war nicht an ihr Ende gekommen, wie es nach dem Sieg des Kapitalismus herumposaunt wurde.
Diese Welt ist komplizierter, verstrickter, unübersichtlicher geworden, heißt es. Bilder, Nachrichten, Gedanken flirren durch Internet, Handys und Kontinente wie nie zuvor. Wir wissen genau, wie die Ärmsten außerhalb unserer Wohlstandsblasen in Favelas und Townships aussehen, ihre Gesichter schauen von LED-Flatscreens in unser IKEA-Wohnzimmer. Wir wissen genau, wie Abertausende durch Wüsten und Meere kommen, ihr Leben riskieren, um ein paar Krumen vom Kapitalismuskuchen abzubekommen und mit Money Gram nach Hause zu schicken.
Wir wissen genau, dass wir Soldaten gegen Taliban nach Afghanistan, Anti-Panzer-Raketen für Kurden-Peshmerga und Kriegsschiffe ans Horn von Afrika gegen Piraten schicken, wir die Mauern um Europa immer höher ziehen. Wir wissen genau, dass etwas schief läuft. Und: Dass wir die Gewinner dieser zum Himmel schreienden Schieflage sind.
Die Grenzen verlaufen weiter zwischen oben und unten. Das Weltsozialforum, gestern nach fünf Tagen in der Atlantikmetropole Salvador da Bahia zu Ende gegangen, ist und bleibt die einzige Internationale der Ausgebeuteten, der Geknechteten und Elenden. Die einzige Arena für links-globalen Austausch von Erfahrungen, Ideen und Zukunftsplänen ihrer engsten Verbündeten in sozialen Bewegungen, Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen und Politik.
Dass das Weltsozialforum einen Moment der Schwäche durchlebt, muss niemanden wundern. Sie ist Spiegel und Symptom der historischen Entwicklung. Ob es uns gefällt oder nicht: In Europa erntet die Rechte die Früchte der richtigen Kritik an Freihandels-Globalisierung und Standortwettbewerb, an deren Ende immer die Konzerne und Aktienbesitzer lachen.
Trump und Gauland sammeln Stimmen der Enttäuschten, der an den Rand Gedrängten und Wegrationalisierten. Die globale Finanz- und Bankenkrise wirkte wie ein Nackenschlag für das Heer von Besitzlosen und Angestellten. Statt von der Systemkrise zu profitieren, waren es die Villenbewohner und First-Class-Flieger, die gestärkt und noch reicher aus der Schlacht zwischen Kapital und Arbeit hervorgingen.
Seit Beginn dieser unglaublichen Restauration springen desorientierte Linke auf die alte Lokomotive des Nationalismus auf, tuckern ideologisch in die Weimarer Republik zurück. Vergessen scheinen die fatalen Folgen des Gleichschrittes der KPD mit der NSDAP, des Ausfluges der deutschen Kommunisten in den Nationalbolschewismus. Ahnungslose Journalisten fragen ernsthaft, ob zwischen links und rechts überhaupt noch ein Unterschied bestünde. Ist denn vergessen, dass Faschismus immer im Gewand des Arbeiters daherkommt, um seine Führer im Dienste der Dior- und-Gucci-Clique aufs Podest zu heben?
Es sah nicht immer so schlecht aus wie heute. In Lateinamerika kamen linke Präsidenten und Parteien an die Macht, in die Präsidentenpaläste gespült durch eine Welle des Widerstandes von Indigenen, Bauern, Bergarbeitern. Auf die Straße waren sie gegangen gegen historische Ausgrenzung, für Teilhabe am Wohlstand, für die Rettung ihrer geschundenen Würde. Die Chávez’, Lulas, Lugos und Zelayas sind heute Geschichte. Zu groß waren der Widerstand der alten Eliten und die Versuchungen der Macht. Die kontinentale Rückkehr der Rechten – eine Allianz aus superreichen Exporteliten, Landbesitzer-Clans und Medienmogulen – hat den Linksruck seit der Jahrtausendwende besser als gedacht weggesteckt. Und gnadenlos zurückgetreten. Der Parlamentarismus, die Übernahme des Staates haben bis jetzt nicht ausgereicht, um die weißen Macho-Oligarchien ein für alle Mal auf die Plätze zu verweisen.
Eine Menge offener Fragen müssen besprochen werden, dafür braucht es einen Ort. Nun kommen seit Jahren weniger Teilnehmer zu den Weltsozialforen. Der Druck der Straße auf die Mächtigen ist eingeschlafen, eingeschüchtert, desillusioniert. Ratlosigkeit macht sich breit angesichts der verspielten Chance. Reden wir das Sozialforum nicht schlecht. Lassen wir uns nicht frustrieren. Holen wir Atem. Nutzen wir seine Hülle, sein Gerüst, seinen Spirit. Füllen wir die letzte Internationale mit neuem Leben.
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In einer Gesprächsrunde der Rosa-Luxemburg-Stiftung bricht eine Bauern-Gewerkschafterin aus dem brasilianischen Regenwald-Bundesstaat Rondônia in Tränen aus, als sie über die Folgen falscher Waldschutz-Millionen aus Deutschland in den Gemeinden vor Ort berichtet. Ein Gemeinde-Aktivist berichtet, dass Kritiker von Großgrundbesitzern und Holzexporteuren jederzeit mit »Pistoleros«, mit einer Kugel in den Kopf rechnen. Landbesetzer in Salvador erzählen von unbekannten, verscharrten Ermordeten in ihren Gemüsegärten. Eine Klimaschützerin aus den Philippinen legt Zeugnis ab über ihre Lebensgefahr, weil sie Palmöl-Plantagen und Rohstoffabbau wegen der Schäden für Mensch und Umwelt anprangert.
Und doch machen sie alle weiter, kommen nicht vom Weg ab, unsere First-World-Probleme belächelnd. Ein neuer Aufbruch ist möglich, lassen wir uns nicht entmutigen. Hass und Gewalt müssen wir eine Geschichte der Würde, der Demokratie und der Zukunft entgegensetzen. Igeln wir uns nicht ein. Das Leben der anderen, es geht uns an.
Fotos: Verena Glass, Gerhard Dilger

On the evening of March 14, the second day of the 2018 World Social Forum (WSF) in Salvador, Brazil, 38-year old city councilwoman and human rights activist Marielle Franco was assassinated in Rio de Janeiro
By Ethan Earle, RLS New York

Three days before her assassination, Marielle Franco had named names on Facebook: “We must speak loudly so that everybody knows what is happening in Acari right now. The 41st Military Police Battalion of Rio de Janeiro is terrorizing and violating Acari residents. This week two youths were killed and tossed in a ditch. Today, the police walked the streets threatening residents. This has always happened and with the (military) intervention things have gotten worse.”
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March for Marielle Franco in the World Social Forum 2018


I found out that evening, in a text message exchange with a devastated young activist from Franco’s Socialism and Liberty Party (PSOL), created in 2004 when its leadership was expelled from then-President Lula da Silva’s Workers’ Party (PT) after refusing to vote for his pension reforms. Today it boasts over 120,000 active members and six seats in Brazil’s lower house of congress. It sits to the PT’s left, in a relationship that is by turns productive and tense, and has become a vocal critic of both state violence and corruption in contemporary Brazil.
By the next morning, the WSF schedule had been cast into doubt, with some PSOL sympathizers calling for a cancellation of all morning panels to instead hold a march calling Franco’s murderers to account. Meanwhile, a number of PT partisans called for a previously scheduled rally set to take place that evening—and headlined by former President Dilma Rousseff as well as Lula—to be expanded and turned into a denunciation of the systematic violence of the morally bankrupt and deeply undemocratic Temer administration.
In the end, several hundred attendees hastily arranged a march to demand justice for Franco’s assassination, but the WSF marched on much as it otherwise would have. Brilliant minds and brilliant activists from across the world discussed the entire range of issues currently facing the world: climate change, war and state violence, systemic racism and endemic misogyny, socioeconomic inequality, and beyond. When Dilma headlined an event announcing the creation of an international solidarity committee for Lula, who currently faces a highly-politicized prison sentence for alleged corruption, Franco’s murder was mentioned but was hardly a point of focus.
Meanwhile, on the sprawling grounds of the Universidade de Bahia campus, artisans sold a variety of vegan sandwiches as well as traditional Quilombola cuisine, handcrafted dream catchers and mass-produced WSF “I was there” tee-shirts, books of Angela Davis and Boaventura de Sousa Santos. Impromptu rallies for the rights of minority populations in countries across the world were held while young lovers danced around them, blowing enormous bubbles through sticks held together by slender pieces of rope.
Through the history of the World Social Forum there has existed a debate about whether the gathering is too dominated by international and largely cosmopolitan attendees or rather national and sometimes anachronistic political issues. This tension was evident as early as this year’s opening march.
At the start, the staging ground was dominated by white faces snapping iPhone shots of a few indigenous groups dancing in traditional dress, but by the time we reached the finish point—a square among the city’s steep hills looking out over its sun-drenched port—the march was deeply infused with Samba and Baiana de Acarajé costumes and chants of “Fora Temer.” On that first night, WSF veterans alternately made compelling arguments that this year’s edition was either too European or too Brazilian.
This argument was cast into sharp relief by the political assassination of Marielle Franco. Should a panel on the proposed EU-Mercosur trade agreement be cut short in order to march for Marielle? How about a panel on racial relations in the south of Bahia? Or on Palestinian solidarity, or on integrative community therapy? These are not easy questions to answer, and perhaps it is best to acknowledge that different people will answer them in different ways.
Cutting through this debate, most on the left would agree that any vibrant World Social Forum must be truly international to fulfill its purpose. I would hope we can also agree that any meaningful political event must be grounded in realities of space and specificity, lest it become disconnected from working communities and succumb to weightless theories of international revolution. What is the exact right alchemy needed to produce that golden World Social Forum? Again, this is not an easy question, and perhaps it is one that has no exact right answer.
Hidden beneath these questions is a deeper-lying anxiety that the WSF is past its prime and will never return to the glory of its early years. And I would contend that of course it won’t: nothing will ever be what it once was before. But it can still exist as an invaluable meeting space for both the breadth and depth of the international left. This however will depend on how we react to the WSF’s evolution, including this tension between its dual and sometimes alternating international/national character.
There is no doubt that this year’s Forum has been marked by the Brazilian political context, particularly with Marielle’s murder but more broadly against the backdrop of a 21st century-style coup that put an end to one of the world’s most prominent social democratic governments—one which, for all its faults, lifted more than twenty million people out of poverty—and replaced it with a deeply-hated cabal of brutal old white men, dead set on rolling back these gains.
Perhaps even more tragically, this is a story that—local particularities withstanding—is right now being repeated throughout much of the world. The neoliberal consensus that dominated from the mid-1980s onward has a gaping wound, and right-wing nationalist-populists with authoritarian tendencies have made the first successful grab at the political space that has been opened.
Or shall I say, in Brazil we can find the world, and across the world we can find far too many Marielle’s, murdered for their political conviction that things can be different. Let’s draw strength from that shared vulnerability, recognize that we don’t always craft the exact conditions for our struggle, and instead busy ourselves with the forces we’ve assembled and our shared opposition to the Temer’s of the world, whom we’ll need every ounce of our energy to fight.
I look forward to doing so in the Forum’s final two days, and in the months and years to come with the new relationships I’ve built and the old relationships I’ve rekindled here in Salvador de Bahia.
Foto: Verena Glass

Estiveram em São Paulo os professores Rolf Hecker e Carl-Erich Vollgraf de Berlim, convidados para ministrar cursos e palestras no Programa de Pós-graduação em História Econômica da Faculdade de Filosofia, Letras e Ciências Humanas da USP
Por Jorge Grespan, USP
Até sua recente aposentadoria, Carl-Erich Vollgraf era um importante colaborador da Marx-Engels-Gesamtausgabe, conhecida pela sigla alemã MEGA, que vem realizando a edição crítica de todos os manuscritos, cartas e textos redigidos por Karl Marx e Friedrich Engels. Entre outros trabalhos, Carl-Erich Vollgraf organizou e publicou os Manuscritos de 1863-1867, um longo texto de Marx que serviu como fonte principal para a edição do Livro 3 de O capital por Engels em 1894. Esse texto, publicado no volume 4.2 da Seção II da MEGA, em 1992, originou grande polêmica, da qual Carl-Erich participou elaborando vários artigos durante a década de 1990.
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A polêmica foi despertada pela constatação de que as diferenças entre o manuscrito original de Marx e o texto editado por Engels eram muito maiores do que se supunha a partir do que o próprio Engels havia confessado no prefácio do Livro 3. Como a edição de Engels era até então a única versão conhecida do texto de Marx, sendo, por isso, aceita como canônica por tantas gerações de marxistas, a descoberta de tais diferenças gerou importantes discussões a respeito de quais seriam as autênticas concepções de Marx nessa etapa final do seu projeto de crítica à economia política.
Por sua vez, Rolf Hecker colaborou e ainda colabora com vários tomos da MEGA. O trabalho mais recente de que participou foi a edição de textos colecionados e comentados por Marx sobre a crise econômica de 1857, um momento decisivo da história do capitalismo por ter se tratado da primeira crise de caráter verdadeiramente internacional. Esses textos, publicados como volume 14 da IV Seção da MEGA pela equipe da qual Rolf Hecker fez parte, permitem reconstituir a motivação de Marx para começar a escrever sua grande obra de crítica da economia política.
A crise de 1857, que parecia no início mais grave do que depois se registrou, deram a Marx o sentido da urgência em fornecer ao proletariado uma análise que o mobilizasse para a luta revolucionária, aproveitando o momento estratégico de quebra do sistema de produção capitalista. Como consequência, surgiram em seguida os manuscritos redigidos entre 1857 e 1858, publicados só no século XX sob o título de Fundamentos da crítica da economia política e conhecidos desde então como Grundrisse. Além da edição desse e de vários outros volumes da MEGA, Rolf Hecker também coordena a revista Beiträge zur Marx-Engels-Forschung, Neue Folge, editada em Berlim pela Argument Verlag.
Tendo chegado a São Paulo, em agosto de 2017, Rolf Hecker e Carl-Erich Vollgraf ministraram um curso de pós-graduação de curta duração, com total de 6 horas de aula, junto com Jorge Grespan, para os alunos do curso de pós-graduação em História Econômica. O tema do curso, relacionado à comemoração dos 150 anos de publicação do Livro 1 de O capital, foi a história dessa obra e de suas sucessivas edições desde 1867. Contando com trinta alunos regularmente matriculados e mais dez ouvintes, o curso foi um grande sucesso.
Ambos os professores convidados despertaram enorme interesse nos seus ouvintes ao tratar de questões que dificilmente são do conhecimento do público brasileiro, tais como o método de trabalho de Marx comparado ao de Engels, a polêmica criada pela publicação dos manuscritos de Marx para o Livro 3 de O capital e o processo de composição e de revisão constante do Livro 1 da obra por seu autor. Vários detalhes desses temas foram discutidos e apresentados, para grande proveito dos alunos presentes.
Por fim, Rolf Hecker e Carl-Erich Vollgraf compuseram uma mesa com o Prof. Horacio Tarcus, da Universidade de Buenos Aires, em uma conferência sobre a recepção da obra de Marx ainda por ocasião dos 150 anos da primeira edição do Livro 1 de O capital.
A conferência foi organizada também pelo Programa de Pós-graduação em História Econômica e foi aberta a toda comunidade acadêmica e ao público em geral, tendo sido registrada a presença de mais de cem pessoas no auditório Nicolau Sevcenko do prédio da Geografia e História da USP. Além dos três professores convidados, a sessão foi aberta pela diretora da Faculdade de Filosofia, Letras e Ciências Humanas da USP, Prof. Maria Arminda do Nascimento Arruda, e pelo chefe do Departamento de História da referida faculdade, Prof. Osvaldo Coggiola, com o Prof. Jorge Grespan na coordenação dos trabalhos.
Rolf Hecker tratou das edições de O capital na Europa a partir de 1867 e de sua respectiva difusão, enquanto Carl-Erich Vollgraf narrou a história da MEGA desde o primeiro estabelecimento, em 1927, sob direção de Riazanov, passando pela suspensão do projeto no quadro das convulsões políticas da URSS, em 1937, pela retomada em meados dos anos 1970 e pelas mudanças sofridas em 1991 com a desaparição das instituições que a editavam na URSS e na DDR.
Junto com a fala de Horacio Tarcus sobre a recepção de O capital na América Latina, as conferências dos professores alemães compuseram uma imagem ampla da difusão de O capital, tendo despertado grande interesse no público, conforme se viu pelas perguntas formuladas aos palestrantes na parte final da sessão.
20170828_o_capital_coloquio-725x1024Pode-se considerar que as atividades realizadas por Rolf Hecker e por Carl-Erich Vollgraf na Universidade de São Paulo, entre os dias 28 de agosto e 2 de setembro de 2017, convidados pelo Professor Jorge Grespan do Departamento de História, representaram um enorme ganho para os alunos e professores dessa instituição, em especial os do Programa de Pós-graduação em História Econômica, que tiveram acesso a informações sobre a obra de Marx praticamente ignoradas no Brasil.
Como relevantes colaboradores da MEGA, os dois convidados conhecem em detalhe os processos de criação e de revisão constante aos quais Marx submetia seus escritos. A Universidade de São Paulo não poderia ter feito uma comemoração mais adequada para os 150 anos de publicação da obra mais importante desse autor.