In Salvador da Bahia leisten arme Bewohner*innen Widerstand gegen Gentrifizierung und die massive Wohnungsnot. Die Wohnungslosenbewegung MSTB hält zahlreiche Gelände besetzt. Doch viele Besetzungen sind von der Räumung bedroht
Von Niklas Franzen
Es dauerte nur wenige Minuten. Dann war fast alles zerstört, was Frederico besaß. Am Tag nach der Räumung wandert der junge Mann immer noch spürbar mitgenommen über den steilen Hang. Er zeigt auf eine kahle Stelle am Boden. „Hier stand meine Hütte“. Frederico – 25, Schnurrbart, verschnörkeltes Tattoo auf dem Unterarm – war gerade Zuhause, als die Polizei anrückte. Mit Gummigeschossen und Tränengas trieb sie die Bewohner*innen auseinander. „Als ich einen Polizist filmte, richtete er sein Gewehr auf mich und sagte, dass er mich verhaftet werde. Meine Nachbarin wurde ins Gesicht geschlagen.“ Die Polizisten zerstörten nicht nur Fredericos Hütte – sondern auch seinen Traum endlich in Würde zu leben.

Quilombo Franco Räumung 1

Quilombo Marielle Franco

Wagner Moreira sitzt auf dem Beifahrersitz eines klapprigen Schulbusses und spricht nervös in sein Mobiltelefon. Seine langen Dreadlocks schwingen bei jedem Schlagloch durch die Luft. Moreira ist Aktivist der Wohnungslosenbewegung MSTB. Die Bewegung aus Salvador da Bahia ist langjährige Projektpartnerin der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Das diesjährige Weltsozialforum (WSF), das in der Küstenmetropole stattfindet, ist für die MSTB ein Heimspiel. Mit mehreren Veranstaltungen ist die Bewegung an dem linken Mega-Gipfel beteiligt. Viele Fäden laufen bei Moreira zusammen.
Nach einer schier endlosen Fahrt durch einen dichten Wald aus rotem Backstein und Wellblech kommt der alte Schulbus auf einer Landzunge zum Stehen. Die mondänen Strandpromenaden und die touristische Altstadt von Salvador fühlen sich ganz weit weg an. Unweit vom Parkplatz steht eine verfallene Zementfabrik verlassen auf einem Hügel, am Horizont glitzert die Allerheiligenbucht. Die Mittagssonne knallt unbarmherzig auf den Asphalt. Auf einem Hang unterhalb des Parkplatzes lebten bis gestern noch hunderte Familien – bis die Polizei sie vertrieb. Von oben erinnert das nun kahle Grundstück an ein gehäutetes Tier. Sieben Mal haben Frederico und die Aktivist*innen der MSTB ihre Besetzung auf dem Hang aufgebaut. Sieben Mal wurde sie von der Polizei vertrieben.
Fotos von der Räumung des Quilombo Marielle Franco

In der Mitte des Geländes haben sich die ehemaligen Bewohner*innen zwischen zwei dicken Bäumen versammelt. Auf einer behelfsmäßig zusammengezimmerten Bühne steht Vera Guimarães. Die Aktivistin spricht mit voller Leidenschaft, ihre Stimme zittert: „Wir sind Kämpfer und werden zurückkehren. Daran werden auch die uns nicht hindern“. Mit „die“ meint Guimarães eine Gruppe von Polizisten, die das Geschehen von einem schattigen Platz oberhalb der Versammlung misstrauisch beobachtet. Die Polizisten tragen schusssicheren Westen. Ein Polizeibeamter hat den Finger auf dem Abzug seiner Waffe, ein anderer läuft demonstrativ durch die Reihen und filmt alle Anwesenden mit einer Handykamera. Frederico kommentiert: „Die behandeln uns wie Kriminelle.“ Mitarbeiter*innen der Stadtverwaltung sammeln unterdessen die Überreste der Besetzung ein. Am Nachmittag erinnert kaum noch etwas daran, dass hier noch vor zwei Tagen noch hunderte Menschen gelebt haben.
Die Wut über die erneute Vertreibung ist groß. Die Aktivist*innen der MSTB hatten das Gelände besetzt, um gegen die massive Wohnungsnot in Salvador zu demonstrieren – und um endlich ein Dach über dem Kopf zu haben. Für viele dieser Menschen gab es keine andere Möglichkeit, als zu besetzen. Die Armut steht den Versammelten ins Gesicht geschrieben. Auch für Frederico ist die Vertreibung eine Katastrophe. „Ich komme gerade bei Bekannten unter. Ich habe keine andere Möglichkeit – ich muss hierhin zurück.“
Der Befehl für die Räumung kam vom Gouverneur des Bundesstaates Bahia, Rui Costa von der Arbeiterpartei PT. „Die PT hat uns verraten“, schimpft die kleine, quirlige Aktivistin Guimarães. „Erst durch uns, nämlich die arme Bevölkerung, wurde Costa überhaupt gewählt. Nun werden wir wie Hunde behandelt.“ Dass die Räumung während des WSF stattfand, empfinden die Besetzer*innen als zusätzliche Provokation. Und: Das Gelände wurde geräumt, obwohl es für den sozialen Wohnungsbau ausgewiesen ist. Die Besetzer*innen wollen zurückkommen und haben der zukünftigen Besetzung bereits einen Namen gegeben: «Quilombo Marielle Franco». Eine Hommage an die linke Stadträtin aus Rio de Janeiro, die im März ermordet wurden.
Die Auseinandersetzung der «Quilombo Marielle Franco» ist ein typischer Fall für den Kampf um Wohnraum in der drittgrößten Stadt Brasiliens. In Salvador da Bahia sind Zehntausende Menschen wohnungslos – Tendenz steigend. Die Immobilien-und Grundstückpreise sind in den letzten Jahren massiv angestiegen. Gentrifizierungsprozesse machen auch vor der armen Vorstadt nicht halt. Besetzungen von sozialen Bewegungen werden oft mit brutaler Gewalt geräumt – obwohl sie faktisch legal sind. Die progressive brasilianische Verfassung von 1988 legt soziale Grundsätze der Stadt fest: Häuser und Freiflächen müssen demnach eine soziale Funktion erfüllen und Eigentümer können enteignet werden, wenn dies nicht der Fall ist. Mit dem 2001 verabschiedeten Stadtstatut-Gesetz bekam die Verfassung, zumindest theoretisch, Gültigkeit. Anspruch und Wirklichkeit klaffen allerdings weit auseinander. Die Verbindungen zwischen Justiz, Investor*innen und Immobilienspekulant*innen sind ein offenes Geheimnis. Die rechtlichen Möglichkeiten existieren somit häufig nur auf dem Papier. Konsequenz: Immer mehr Menschen landen auf der Straße oder sind von der Räumung bedroht.
Auch die „Quilombo Escada“ kämpft um ihre Zukunft. Die kleine Besetzung befindet sich am Rand einer lauten, stark befahrenen Straße. Ein steiler Pfad führt zu zwei Dutzend einfachen Holzhütten, die von hohen Bananenstauden eingekreist sind. Ein kleiner Bach, der quer über das Grundstück läuft, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Abwasserleitung. Hühner und Hunde haben es sich im Schatten bequem gemacht.

Quilombo Escada

Quilombo Escada

Vor fünf Jahren wurde das Gelände von der MSTB besetzt, heute leben hier 40 Familien. Doch die Zukunft ist ungewiss, die Bewohner*innen sollen weg. „Bei einer Räumung landen wir auf der Straße. Für uns gibt es keine Alternative“, sagt Antônio Conceição Gomes. Der 46-Jährige mit rotem Tanktop, Goldkette und Rosen-Tattoo wohnt seit fünf Jahren mit seiner Familie auf dem Gelände. Früher befand sich hier ein Energieunternehmen, heute gehört das Grundstück der Stadt. Diese will nun eine Gesundheitsstation auf dem Land bauen. „Das ist absurd“, schimpft Gomes. ,„Auf der anderen Seite der Straße gibt es bereits eine Gesundheitsstation – die aber seit mehreren Monaten geschlossen ist.“
Polizei und Stadtverwaltung bleiben hartnäckig. Vergangene Woche versuchten sie die Bewohner*innen auszutricksen. Den Besetzer*innen, von denen viele nicht lesen können, wurde eine Liste präsentiert, mit der sie sich offiziell registrieren lassen konnten – dachten sie anfänglich zumindest. Die Liste entpuppte sich als Schwindel, niemand unterschrieb. Gomes meint: „Wir werden hier nur weggehen, wenn wir eine alternative Unterkunft bekommen.“
Die MSTB kämpft jedoch nicht nur für Wohnraum, wie der Vollzeit-Aktivist Moreira betont. Die Bewegung will die Wurzeln der Probleme angreifen. Ein Hauptproblem in Salvador ist weiterhin der tiefankerte Rassismus. Die krassen Unterschiede in der afrobrasilianischen Hauptstadt Brasiliens, in der vier von fünf Bewohner*innen schwarz sind, sind augenscheinlich. Während in den reichen Stadtteilen überdurchschnittlich viele Weiße wohnen, leben in der armen Vorstadt fast ausschließlich schwarze Brasilianer*innen. Alle Besetzungen der MSTB tragen den Beinamen Quilombo. So hießen zur Kolonialzeit Niederlassungen von entflohenen Sklav*innen. Moreira meint: „Damit wollen wir an unser afrikanisches Erbe erinnern.“

Quilombo Escada

Quilombo Escada

Auch die Gewalt trifft vor allem die schwarze Bevölkerung. Salvador hat eine der höchsten Mordraten Brasiliens. Drogengangs und Polizei liefern sich regelmäßig schwere Gefechte. Auf dem Gelände einer MSTB-Besetzung wurden unlängst 12 Leichen gefunden, die wahrscheinlich Opfer der Polizei oder einer Drogengang wurden. Für die Bewegung ist die Gewalt eine große Herausforderung. Allerdings ist es gelungen den Drogenhandel aus den Besetzungen fernzuhalten. „Das war ein langer Prozess von über 15 Jahren. Wir leisten immer auch ein Stück Sozialarbeit“, sagt Moreira.
Dass die Bewegung durchaus Erfolge feiert, zeigt auch die Besetzung „Quilombo Paraíso“. Die Besetzung befindet sich am äußersten Zipfel von Salvador in einem grünbewachsenen Tal. Vor acht Jahren wurde das Gelände von der MSTB besetzt, heute leben hier 120 Familien. Die Gemeinde gleicht einem kleinen Dorf. Von oberhalb der Besetzung hat man einen atemberaubenden Blick auf das Meer und ein angrenzenden Naturschutzgebiet. Auf einer mit Palmen gesäumten Weide grasen Pferde. Unterhalb befinden sich die Holzhütten der Besetzer*innen. Eine improvisierte Stromleistung läuft oberhalb von einer Schotterstraße. In der Besetzung gibt es mehrere Gemeinschaftsgärten. Die ökologische Landwirtschaft und der Naturschutz stehen auf der Agenda der Bewegung.

Quilombo Paraíso_Verena

Quilombo Paraíso

Rita Ferreira war damals dabei, als das Gelände besetzt wurde. Bei einem Rundgang über das Gelände sagt die charismatische Aktivistin mit den markanten Gesichtszügen: „Unser Kampf dreht sich nicht nur um die eigenen vier Wände. Wir kämpfen auch für das Gute Leben.“ Die MSTB versucht in ihren Besetzungen Konzepte wie das indigene „Buen Vivir“ oder afrobrasilianische, alternative Lebensweisen umzusetzen.
Der jahrelange Kampf der MSTB scheint sich zu lohnen. Nach acht Jahren steht endlich der Bau von Sozialwohnungen in Sicht. Mit einem Infrastrukturprogramm soll bald mit dem Bau begonnen werden. Ferreira ist jedoch skeptisch. Mehrmals wurde bereits die Errichtung von Sozialwohnungen versprochen – passiert ist bisher nicht. Die MSTB hat nun ein Ultimatum gestellt: wenn wieder nichts geschieht, baut die Bewegung eben selbst. Ein Prototyp für die zukünftigen Wohnungen gibt es schon. Unterstützung erhält die Bewegung von einer Architektur-Fakultät. Aber Rita meint: einfach nur Wohnungen zu bauen, bringt nichts. „Wir brauchen auch Schulen und Gesundheitseinrichtungen.“ Viel zu oft sind Besetzer*innen nämlich aus Sozialwohnungen wieder ausgezogen – wegen der schlechten Qualität, der peripheren Lage und der Gewalt.
Und wie geht es weiter für die Wohnungslosen aus Salvador? Die aktuelle politische Lage verspricht nichts Gutes. Als sich Moreira verabschiedet, sagt er: „Gerade jetzt müssen wir kämpfen.“ Kurz denkt er nach, führt aus: „Denn nur wenn wir kämpfen, können wir etwas verändern.“
Fotos: MSTB, Verena Glass

Nach Tod der bekannten Aktivistin Marielle Franco wird Weltsozialforum teilweise ausgesetzt
Von Niklas Franzen, neues deutschland

marielle franco manifestacao

Demonstration während des Weltsozialforums in Salvador de Bahia

Der Schock sitzt tief. Am Mittwochabend wurde die prominente Menschenrechtlerin und Politikerin der linken Partei für Sozialismus und Freiheit (PSOL), Marielle Franco, in der Innenstadt von Rio de Janeiro ermordet. Franco befand sich auf dem Rückweg von einer Veranstaltung über schwarze Jugendliche, die im Auswegviertel Lapa stattfand, als Unbekannte auf ihr Auto feuerten. Mindestens vier Schüsse trafen die Abgeordnete des Stadtparlaments im Kopf, sie starb vor Ort. Auch Francos Fahrer wurde ermordet, eine Mitarbeiterin wurde schwer verletzt. Die Mordkommission spricht von einer Hinrichtung.
Die Hintergründe des Mordes sind bislang noch unklar.
Aktivist*innen vermuten jedoch einen Racheakt der Polizei. Die 38-Jährige schwarze Politikerin war eine der lautesten Stimmen gegen Polizeigewalt und Rassismus in Rio de Janeiro. Einen Tag vor ihrer Hinrichtung postete Franco auf Facebook: »Wie viele von uns müssen in diesem Krieg noch sterben?« Am Samstag kritisierte sie in sozialen Medien die Militärpolizei in der Favela Acari und nannte die Polizeieinheit ein »Bataillon des Todes«. Auch die Militärintervention in der »Wunderbaren Stadt« kritisierte Franco scharf. Im vergangenen Monat übernahm das Militär die Kontrolle über die Sicherheit von Rio de Janeiro. Franco wurde zur Vorsitzenden einer Kommission ernannt, die die Militäraktionen in den Favelas überwachen soll.
Franco stammte selbst aus einem Armenviertel, dem Favela-Complex Maré im Norden von Rio de Janeiro. In dem Viertel liefern sich Polizei und Drogengangs fast täglich schwere Auseinandersetzungen. Regelmäßig kommt es zu Menschenrechtsverletzungen von Sicherheitskräften gegen Bewohner*innen. Im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft besetzte das Militär den Favela-Complex.
Rio de Janeiro durchlebt einen dramatischen Anstieg der Gewalt. Nirgendwo sonst in Brasilien tötet die Polizei so häufig wie in der Stadt am Zuckerhut. Die meisten Opfer: jung, arm und schwarz. Aktivist*innen sprechen von einem »Genozid an der schwarzen Bevölkerung«. Für viele Brasilianer*innen steht der Mord an Franco sinnbildlich für die strukturelle Gewalt gegen die arme, schwarze Bevölkerung in Brasilien. Dass eine bekannte Politikerin auf offener Straße ermordet wird, ist aber selbst für Rio de Janeiro neu.
Franco war Politikerin für die Partei PSOL, eine Linksabspaltung der Arbeiterpartei PT. Bei den Kommunalwahlen im Jahr 2016 erhielt die 38-Jährige die fünftmeisten Stimmen und saß seitdem im Stadtparlament. Franco war Vorkämpferin für Menschenrechte und gegen Rassismus. Der Kern von Francos Politik waren feministische Themen. Sie brachte unter anderem einen Gesetzesentwurf auf den Weg, womit Frauen der Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen erleichtert werden sollte. Auch kämpfte Franco, die selbst in einer Beziehung mit einer Frau lebte, für die Rechte von LGBT.
Mit Trauer und Wut reagierten viele Brasilianer*innen auf die Nachricht des Mordes an Franco. In mehreren brasilianischen Städten kam es am Mittwoch zu Demonstrationen. Das Motto: »Wir sind alle Marielle Franco.« Auch die Teilnehmer*innen des diesjährigen Weltsozialforums (WSF) in Salvador da Bahia, das von schwarzen Frauen dominiert wird, reagierten schockiert. »Mit dem Mord haben sie uns alle getroffen«, sagte die Aktivistin Silvana Serra von der »Bewegung der schwarzen Frauen Mãe Andresa« dem »nd«. Die für Donnerstag geplanten Veranstaltungen wurden zum Teil abgesagt. Serra meint: »Ich finde richtig, dass heute in Gedenken an Marielle keine Veranstaltungen stattfinden. Heute müssen wir auf die Straße gehen.« Am Vormittag zog eine, von schwarzen Frauen angeführte, Demonstration über den Campus der staatlichen Universität von Bahia (Ufba), wo ein Großteil der Veranstaltungen des WSF stattfindet.
Auch Politiker*innen der PSOL zeigten sich bestürzt über den Tod von Franco. »Der Mord an Marielle zeigt wie tief die Wunde in der brasilianischen Demokratie sitzt«, sagte der Präsidentschaftskandidat der PSOL, Guilherme Boulos, dem »nd«. Der sonst so eloquente Boulos stockt und sucht nach Worten. Auch bei ihm sitzt der Schmerz spürbar tief. »Das ist ganz klar eine Nachricht von der anderen Seite: sie sind bereits alles zu tun.« Boulos fordert: »Wir werden keine Ruhe geben bis wir wissen, wer Marielle ermordet hat«.
Foto: Niklas Franzen

Bei Auftaktdemonstration des Weltsozialforum dominieren Afro-Aktivist*innen und Indigene
Von Niklas Franzen, neues deutschland
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Für Nancy Andrade fängt der Widerstand auf dem Kopf an. »Schwarze Jugendliche müssen lernen, ihre Haare wertzuschätzen. In den Medien sehen sie fast nur Weiße, deshalb fangen sie an sich die Haare zu glätten.« Andrade – Afrofrisur, Zahnspange, breites Lächeln – läuft dichtgedrängt durch die engen Straßen ihrer Heimatstadt Salvador. Es ist die Auftaktdemonstration des Weltsozialforum (WSF). Die Afro-Aktivistin sagt: »Es gibt in Brasilien eine Pyramide – und schwarzen Frauen stehen dort ganz unten. Das muss sich ändern.«
Die dumpfen Trommelklänge hallen beim Auftaktmarsch durch die Straßen des historischen Zentrums. Viele Teilnehmer sind in den weißen Gewändern der afrobrasilianischen Candomblé-Religion gekommen. Jugendliche tragen offen ihre krausen Haare zur Schau. Eine Gruppe hat sich in einem Kreis zum Capoeira, dem afrobrasilianischen Kampftanz, versammelt. Salvador ist die Hauptstadt des schwarzen Brasiliens: In der Küstenmetropole sind vier von fünf Bewohner*innen Nachfahren von afrikanischen Sklaven. Viele leben bis heute in bitterer Armut. Und die Gewalt trifft schwarze Bewohner überproportional. Andrade meint: »Unsere Jugend wird getötet, es ist ein Genozid an der schwarzen Bevölkerung. «
Doch nicht nur afrobrasilianische Gruppen ziehen an diesem Dienstag durch die tropisch-feuchte Hitze Salvadors. Auch indigene Gemeinden sind stark auf der Demonstration vertreten. Nailton Muiz ist Oberhaupt, ein sogenannter »Cacique«, der Pataxó-Indigenen aus dem Süden des Bundesstaates Bahia. Sein nackter Oberkörper ist mit schwarzen Mustern bemalt, auf dem Kopf trägt er einen Federschmuck. »Die Rechte, die uns in der Verfassung von 1988 eingeräumt wurden, werden mit Füßen getreten.« Weite Teile von einst indigenem Land befinden sich heute in den Händen von Großgrundbesitzern.
Agrobusiness und umstrittene Großprojekte bedrohen die Existenz vieler Gemeinden. Und die Gesundheitslage in den Dörfern ist dramatisch. Laut Muniz habe sich die Situation der Indigenen mit der Präsidentschaft des rechtsgerichteten Präsidenten Michel Temer sogar noch verschlechtert. Die Pataxó-Indigenen sind nach Salvador gekommen, um anzuklagen: »Wir dürfen nicht länger hinnehmen, dass wir in unseren Territorien massakriert werden«.
Es ist eine laute und bunte Demonstration. Doch: Die Teilnehmerzahl der Demonstration bleibt weit hinter den Erwartungen. Auf einer Pressekonferenz in der Universität von Bahia (Ufba) erklärt Mauri Cruz vom Organisationsteam, dass sich bereits 25 000 Personen im Vorfeld angemeldet hätten. Bis zu 60 000 Teilnehmer*innen sollen in den nächsten Tagen kommen. Rund 1600 Aktivitäten finden in diesen Tagen im gesamten Stadtgebiet statt. Ein Großteil der Veranstaltungen findet in weißen Zelten auf dem Campus der Ufba zwischen baufälligen Fakultätsgebäuden und Palmen statt.
Noch nie in der siebenzehnjährigen Geschichte des Weltsozialforums war das Budget so klein wie in diesem Jahr. Die schwere Krise des Gastgeberlandes trifft auch den linken Gipfel. Was auf dem internationalen Megatreffen auffällt: die Abstinenz von internationalen Gästen. Nur wenige ausländische Aktivisten haben sich auf den Weg nach Salvador gemacht, brasilianische Gruppen dominieren das WSF. Auch in diesem Jahr sind alle Veranstaltungen selbstorganisiert. Höhepunkt soll eine internationale Frauenkonferenz sein. Mit Spannung fiebern viele auch den Auftritten ehemaliger und aktueller Staatschefs zu. Für Cruz ist klar: »Wir dürfen nicht einfach nur den Kapitalismus anklagen, sondern auch zeigen, dass wir einen Ausweg haben.«
Foto: Niklas Franzen

Klimagerechtigkeit, Vampirverträge, Autogesellschaft, Strafvollzug, Theater der Unterdrückten und mehr: die Rosa-Luxemberg-Stiftung auf dem Weltsozialforum 2018
Von Gerhard Dilger
„Widerstand“ und „kreative Transformation“ lauten programmatische Schlüsselbegriffe des diesjährigen Weltsozialforums (WSF) in Salvador da Bahia. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich auch die Arbeit des RLS-Regionalbüros in São Paulo – und unser Programm auf dem WSF.
Widerstand gegen die so genannten Freihandelsverträge im Interesse transnationaler Konzerne – wir reden wie die Attac-Intellektuelle Susan George lieber von „Vampirverträgen“: Sobald sie das Tageslicht erblicken, stehen die Chancen gut, dass sie in sich zusammenfallen. Aktivist*innen und Gewerkschafter*innen aus der Region denken zusammen über Strategien gegen das Abkommen EU-Mercosur nach, das gerade aushandelt wird.
FSMJudithWiderstand aber auch gegen die Dominanz des individualisierten Autoverkehrs, der Metropolen wie Salvador tagtäglich zu ersticken droht. Der US-Autor und Fahrradaktivist Andy Singer präsentiert sein Werk „CARtoons“ und berichtet vom zähen Ringen städtischer Basisgruppen für Fahrradwege, auf einem RLS-Panel werden verschiedene Beispiele für kostenlosen öffentlichen Nahverkehr vorgestellt.
Widerstand ist vor allem gegen den tödlichen Rassismus angesagt, der weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit allein in Brasilien Jahr für Jahr Zehntausende schwarze Jugendliche aus den Armenvierteln das Leben kostet – andere darben unter unmenschlichen Verhältnissen in überfüllten Gefängnissen. Unsere Partner von der lokalen Organisation Ideas richten dazu mehrere Veranstaltungen aus. Und die Jugendlichen der Wohnungslosenbewegung von Bahia (MSTB) setzen lebendiges Forumtheater in der Tradition von Augusto Boal dagegen. Unterstützt werden sie dabei vom senegalesischen RLS-Partner Diol Mamadou.
Auf einem zweitägigen Seminar geht es um „Neue Paradigmata“ jenseits ausgetretener Entwicklungspfade. Klimaaktivist*innen aus aller Welt, darunter der frischgebackene LINKEN-MdB Lorenz Gösta Beutin, debattieren über Alternativen zum Grünen Kapitalismus. Und darüber, wie sich die Linke weltweit neu aufstellen müsste, um wieder attraktiver zu werden. Wagner Moreira aus Salvador etwa meint: „Wir dürfen nicht sehnsüchtig zurückblicken, sondern müssen versuchen, eine neue progressive Ära aufzubauen. Das Weltsozialforum wird uns die Möglichkeiten geben, den Kurs der Linken neu zu bestimmen“.
Am gestrigen Dienstag begann das Forum mit einer Pressekonferenz und einer bunten Auftaktdemonstration. Tausende zogen durch Salvadors Innenstadt – für, wie es der mexikanische Subcomandante Marcos ausgedrückt hat,  eine antikapitalistische „Welt, in die viele Welten passen“.

Papst Franziskus wird am Landkonflikt in Südchile wohl nichts ändern

Von Klaus Ehringfeld

 

Sergio Catrilaf sucht sichtlich nach einer diplomatischen Formulierung. Doch was er dann sagt, hat mit bedachten Worten wenig zu tun: „Der Papst will doch hier vor allem seine Evangelisierungsmission fortsetzen“, kritisiert der Indígena und macht deutlich, dass er dem Besuch des Oberhauptes der katholischen Kirche am Mittwoch in der chilenischen Mapuche-Region nicht viel abgewinnen kann.

Catrilaf gehört zu den Mapuche-Führern, die die katholische Kirche an der Seite der Mächtigen und der Regierungen sieht und nicht an der Seite der Indígenas, die seit Jahrhunderten unterdrückt werden. Die Kirche vertrete wie weite Teile der Bevölkerung des südamerikanischen Landes die Auffassung, dass die Mitglieder indigener Gemeinschaften in Chile „Terroristen“ sind, moniert der 41-Jährige. Das ist eine unter den Mapuche weit verbreitete Auffassung, wird aber nicht von allen geteilt.

Catrilaf

Es ist Frühling in Chile. Der Himmel schickt Regen in den grünen Süden. Wie ein  Trommelwirbel schlagen die Tropfen auf das Dach von Catrilafs Holzhütte am Rande vom Temuco. Sein Sohn Pelón ist immer am Vater, will sich kaum von ihm trennen. Pelón war ein paar Tage alt, als die Polizei Catrilaf im März 2016 für ein angebliches Verbrechen festnahm. Der Mapuche-Führer saß über ein Jahr ohne Anklage und ohne Verfahren in Haft. Erst seit Ende Oktober 2017 ist er wieder frei, die Justiz sah keine Beweise gegen ihn.
Papst Franziskus besucht auf seiner Chile-Reise (15. bis 18. Januar) heute auch die Konfliktregion Araucanía im Süden. Auch wenn man noch nicht weiß, welche Botschaft er mitbringt, klar ist schon jetzt, dass der Papst es als Zeichen verstanden wissen will: Ich sehe euch, euren Konflikt und eure Nöte. Und die sind groß.

Noch rund 1,5 Millionen Mapuche leben in Chile, sie machen rund zehn Prozent der Bevölkerung aus. Unter ihnen ist die Armut dreimal höher als unter dem nichtindigenen Teil der Bevölkerung. Und in ihrem Kernland in der Araukanie gehören ihnen nur 15 Prozent des Landes.
In der grünen und rohstoffreichen Region, etwa 700 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago de Chile, geben die Nachfahren deutscher und schweizerischer Einwanderer den Ton an. Sie wurden Ende des 19. Jahrhunderts gezielt angeworben, um den rauen Süden zu besiedeln. Dafür erhielten sie vom Staat Landtitel.

Oft waren die Territorien aber Gebiete, von denen die Mapuche vertrieben worden waren. Den Nachfahren der Einwanderer gehören noch heute die meisten Unternehmen, Ländereien sowie Eukalyptus- und Kiefernplantagen. Doch seit einigen Jahren setzen sich die Mapuche vehement für ihre Rechte ein, fordern die Rückgabe von Territorien und wollen Selbstbestimmung. Ein explosives Gemisch. Zumal sie nicht nur juristisch und politisch streiten, sondern auch Straßen sperren, Lkw und Busse in Brand setzen. Auch Kirchen brennen.

Catrilaf droht neue Untersuchungshaft

Experten sagen jedoch, dass die Mapuche bestenfalls für die Hälfte der Taten verantwortlich sind, bei der anderen Hälfte steckten „interessierte Kreise“ dahinter, die den Konflikt im Süden Chiles noch mehr anzuheizen wollen. Der Politologe Claudio Fuentes, der zu den Mapuches geforscht hat, berichtet von Sicherheitskräften, die nebenbei für Unternehmen und Großgrundbesitzer arbeiten und gegen die Mapuche vorgehen. Auch Polizei und Justiz wenden das noch aus der Diktatur stammende „Antiterrorgesetz“ auf verdächtige Mapuche an und stecken sie ohne Anklage oft mehrere Monate lang ins Gefängnis. Sergio Catrilaf kann davon erzählen. In seiner Hütte hängt ein Foto von ihm selbst. Darauf steht: „Freiheit für Catrilaf“.

Das Bild stammt aus der Zeit, als der Mapuche-Führer wegen des Verdachts der Verwicklung in den Mord an Werner Luchsinger und seiner Frau Vivian MacKay im Knast saß. Das Ehepaar, Besitzer großer Ländereien in der Mapuche-Region, verbrannte im Januar 2013 in seinem Haus nach einer Brandstiftung. Kurz danach rückten Mapuche als Täter in den Fokus von Polizei und Justiz. Catrilaf und zehn weitere Indígenas wurden festgenommen und erst Ende Oktober aus der U-Haft entlassen, weil die Justiz keine Beweise für ihre Schuld sah. Inzwischen hat ein Revisionsgericht das Urteil kassiert und zurückverwiesen. Sergio Catrilaf droht neue Untersuchungshaft.

In diesem aufgeheizten Ambiente will der Papst vermitteln. Aber die Mehrheit der Chilenen hält – ähnlich wie Sergio Catrilaf – Papst Franziskus’ Abstecher in die Araukanie für keine so gute Idee. In einer Umfrage des Radiosenders „Cooperativa“ äußerten sich Mitte November 85 Prozent der Hörer skeptisch – der Besuch des Papstes werde den Konflikt eher anheizen als entschärfen.

Isolde Reuque nimmt einen kräftigen Schluck von ihrem Matetee und sagt dann mit entschlossenem Blick: „Das ist doch Quatsch. Der Papst kommt hierher, weil wir in einer sehr schwierigen Situation stecken. Und Leute wir Sergio Catrilaf stehen nur für eine von vielen Strömungen unter den Mapuche.“ Reuque ist Koordinatorin der Mapuche-Pastorale beim Bistum in Temuco, der Hauptstadt der Araucanía. Sie ist selbst Indígena, sieht die katholische Kirche aber eher aufseiten der Mapuche. „Viele Verbesserungen für uns wurden immer auch aus der katholischen Kirche heraus errungen.“
Um den Mapuche-Konflikt zu verstehen, muss man weit in die chilenische Geschichte zurückblicken. Da die spanischen Eroberer die Indigenen nicht besiegen konnten, verhandelten sie und überließen ihnen 1641 mit dem Vertrag von Quillín ein Territorium von etwa zehn Millionen Hektar. Das unabhängige Chile ignorierte die Verträge und begann um 1860, sich die indigenen Gebiete gewaltsam anzueignen und vergab Landtitel an europäische Einwanderer.

Der sozialistische Präsident Salvador Allende gab Anfang der 1970er Jahre 700 000 Hektar Land an die Mapuche zurück, doch nach dem Pinochet-Putsch 1973 drehte sich das Rad in die andere Richtung. Die Gebiete wurden wieder konfisziert und den Mapuche der Status einer ethnischen Minderheit aberkannt. Später drängten mit der neoliberalen Öffnung des Landes ausländische Investoren besonders auf das von den Indigenen beanspruchte Terrain. Trotz Demokratie setzt sich diese Politik bis heute fort. Und diesen alten Konflikt will der Pontifex lösen?

Franziskus wird am Flughafen von Temuco eine Messe feiern und anschließend mit Autoritäten essen. „Dabei werden auch ein Lonco und eine Machi sein“, hebt Isolde Reuque hervor, zwei traditionelle Autoritäten der Mapuche. „Sie werden dem Papst unsere Nöte vortragen“, versichert die Koordinatorin der Pastorale, die vom Essener Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt wird.

Andere Mapuche setzen anscheinend nicht auf Dialog. Mitte November stoppten Vermummte 80 Kilometer nördlich von Temuco einen Bus, verjagten Passagiere und Fahrer und steckten das Fahrzeug in Brand. Laut lokalen Medienberichten fand sich in der Nähe ein Bekennerschreiben. „Feuer für die Kirchen – Du bist nicht willkommen in der Araucanía, Papst Franziskus“ und „Freiheit für die Mapuche-Gefangenen – Politiker raus“.
Wenn man Isolde Reuque darauf anspricht, verdreht sie die Augen. „50 Prozent der Gewaltakte werden von Mapuche verübt, 50 Prozent nicht“, sagt sie. Aber wer steckt hinter der anderen Hälfte der Taten? Reuque formuliert vorsichtiger: „Diejenigen, die ein Interesse an der Verschärfung des Konflikts haben und die Ureinwohner als Gewalttäter darstellen wollen.“

Sergio Catrilaf wird nicht zur Messe des Papstes gehen, sagt er. „Aber wenn ich 15 Minuten hätte, um mit ihm alleine zu sprechen, würde ich ihm sagen, was die katholische Kirche hier alles falsch gemacht hat.“

 

Foto: Klaus Ehringfeld

In Salvador da Bahia, wo vier Fünftel der Bevölkerung afrikanische Wurzeln haben, wird die Schwarzenbewegung dem Weltsozialforum ihren Stempel aufdrücken
Von Gerhard Dilger, Le Monde diplomatique

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Riesengedränge im Hauptgebäude der Bundesuniversität Bahia: Draußen trägt eine studentische Trauergemeinde Brasiliens öffentliches Bildungswesen zu Grabe, drinnen gibt es afrobrasilianische Trommelwirbel zur Eröffnung eines großen Unikongresses – und zur Begrüßung von altgedienten AktivistInnen sowie von NGO-Kadern aus den USA, Afrika und Europa.

Die gehören dem Internationalen Rat des Weltso­zial­fo­rums (WSF) an und zerbrechen sich anschließend gemeinsam mit lokalen Machern die Köpfe darüber, wie die Generalversammlung der Weltzivilgesellschaft wieder neuen Schwung bekommen könnte. Denn vom 13. bis 17. März 2018 soll von einem nächsten Weltsozialforum in Salvador da Bahia aus die Botschaft um die Welt gehen: „Widerstand heißt krea­ti­ve Transformation.“

In den letzten Jahren hatte sich in der Szene Ernüchterung breitgemacht. Zu den letzten globalen Foren in Tunis (2013, 2015) und Montreal (2016) kamen zwar Zehntausende, doch die mediale Strahlkraft der Anfangsjahre, als etwa die New York Times von der „Supermacht Weltöffentlichkeit“ schwärmte, ist dahin. Zwischen 2001 und 2005 hatte das WSF viermal im südbrasilianischen Porto Alegre stattgefunden, dazwischen (2004) einmal im indischen Mumbai. Zur Premiere kamen 15 000 TeilnehmerInnen, vier Jahre später waren es zehnmal so viele.

Die brasilianischen Foren waren – als geschickt gesetzter Kontrapunkt des Weltwirtschaftsforums in Davos und in Fortsetzung des Aufstands im mexikanischen Chiapas 1994 oder der globalisierungskritischen Proteste gegen den WTO-Gipfel in Seattle 1999 – von der Aufbruchstimmung jener Jahre geprägt. Denn sie wuchsen parallel mit dem politischen Linksruck in Südamerika: In Venezuela wurde Hugo Chávez Präsident, in Brasilien der Exgewerkschafter Luiz Inácio Lula da Silva und in Argentinien der Linksperonist Néstor Kirchner.

Gemeinsam begruben sie 2005 das US-Projekt einer Freihandelszone von Alaska bis Feuerland unter dem großen Jubel der sozialen Bewegungen. Vier Jahre später, auf dem WSF in der brasilianischen Amazonasmetropole Belém, ließen sich neben Lula und Chávez der bolivianische Präsident Evo Morales, Rafael Correa aus Ecuador und Paraguays Staatschef Fernando Lugo feiern. Die lateinamerikanischen Staaten rückten zusammen mit dem Ziel, die Übermacht der USA Schritt für Schritt zurückzudrängen.

Heute scheinen diese Zeiten eine halbe Ewigkeit her. Gemeinsame Ini­tia­tiven ohne die USA gehören der Vergangenheit an. Nur noch in Uruguay und Bolivien regiert die Linke einigermaßen komfortabel. Venezuelas ­„Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ steckt in ­einer dramatischen Krise, 2012 wurde in Pa­raguay Fernando Lugo und 2016 in Brasilien Lulas Nachfolgerin Dilma Rous­seff von reaktionären Parlamentsmehrheiten gestürzt, und bei Wahlen hat die Rechte immer häufiger die Nase vorn.

In Chile sah es lange nach einem Comeback des millionenschweren Unternehmers Sebastián Piñera aus, in Argentinien ist Mauricio Macri, ebenfalls Großunternehmer, gerade dabei, sich langfristig im Präsidentenpalast von Buenos Aires einzurichten. Die Linke steht dort ebenso hilf- und ideen­los da wie im Brasilien des illegitimen, äußerst unpopulären Rousseff-Nachfolgers Michel Temer. Und dabei proklamieren linke Parteien, soziale Bewegungen und ihre Unterstützerorganisationen doch seit Porto Alegre unermüdlich: Es gibt Alternativen!

Zwar haben Südamerikas progressive Regierungen den Rohstoffboom des letzten Jahrzehnts zum Ausbau von Sozialprogrammen genutzt. Die Millionen Menschen, die dadurch der Armut entkommen sind, bilden nun das neue, prekäre Proletariat. Doch strukturelle Reformen hin zu einer sozialökologischen Wirtschaftsweise, die beispielsweise auf Ernährungssouveränität und kleinbäuerliche Landwirtschaft statt primär auf Rohstoffexport und Raubbau an der Natur setzt, blieben aus.

An der enormen sozialen Ungleichheit änderte sich wenig, nicht nur in Brasilien ist der Zugang zu guter Bildung oder zur Gesundheitsversorgung nach wie vor den schmalen Mittel- und Oberschichten vorbehalten. Unterdessen wucherten Vetternwirtschaft und Korruption. Der Unmut über diese Schieflage brach sich in den Massenprotesten vom Juni 20131 Bahn, auf die die Regierung Rousseff hilflos reagierte, während eine neue Rechte es schaffte, daraus – mit tatkräftiger Unterstützung der großen Medien – Kapital zu schlagen und den „parlamentarischen Staatsstreich“ von 2016 vorzubereiten.

Eine selbstkritische Aufarbeitung der Frage, wie es zum Ende dieses „pro­gres­siven Zyklus“ kommen konnte, steht bis heute aus. Stattdessen verbreiten frühere Regierungspolitiker Verschwörungstheorien.

Event oder Widerstand

Statt weiterhin von links unten den Druck auf die Regierungen zu organisieren, ließen sich zahlreiche Gewerkschafter oder Protagonisten sozialer Bewegungen in die Staatsgeschäfte einbinden. Eine Folge des Seitenwechsels war die Schwächung und Entpolitisierung der Basis. In Brasilien gründeten Dissidenten der Arbeiterpartei (PT) schon bald die Partei für Sozialismus und Freiheit (PSOL), doch deren Einfluss blieb, von regionalen Ausnahmen abgesehen, marginal.

Die heute durch Skandale und Wahlniederlagen gebeutelte PT hatte in den Anfangsjahren des Weltsozialforums eine zentrale Rolle gespielt. Seine Begründer – der israelisch-brasilianische linksliberale Unternehmer Oded Grajew, der befreiungstheologisch inspirierte brasilianische Aktivist Chico Whitaker und der französische Attac-Gründer Bernard Cassen (einst Direktor von Le Monde diplomatique) – haben Porto Alegre als Schauplatz ausgewählt, weil dort das innovative, von PT-Stadtverwaltungen entwickelte Konzept des Bürgerhaushalts angewandt wurde.2 Lula trat hier erst als Präsidentschaftskandidat und 2003 als neu gewählter Staatschef auf, der sich anschickte, die Brücke vom Weltsozialforum zum Weltwirtschaftsforum in Davos zu schlagen.

Die horizontale Struktur des WSF führte zu einem bunten Miteinander oder eher einem Nebeneinander, das Erwartungen an klare Zuspitzungen zwangsläufig enttäuschte. Machtstrategisch denkende Köpfe, die am liebsten eine antikapitalistische Fünfte Internationale geformt hätten, zogen sich aus dem Forum zurück.

Am Rande des letzten WSF im Sommer 2016 taten sich AktivistInnen aus Montreal und Nordostbrasilien zusammen. Ihnen gelang es, das WSF nach Salvador de Bahia zu lotsen – auch weil Bahia einer der letzten PT-regierten Bundesstaaten ist und selbst in Zeiten knapper Kassen ein für Linke weniger feindseliges Umfeld darstellt als der polarisierte Süden oder Südwesten Brasiliens.

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Auf einer Ratssitzung im Januar plädierten Whitaker und Grajew vergeblich dafür, Salvador zu einem von vielen regionalen „Widerstandsforen“ zu erklären. Die große Mehrheit der anwesenden 30 Ratsmitglieder votierte für einen globalen fünftägigen Event. Auch befürchten Kritiker eine Ins­tru­men­talisierung des WSF durch die PT zu Wahlkampfzwecken, denn 2018 werden in Brasilien nicht nur der Präsident, sondern auch die Gouverneure sowie alle Landes- und Bundesparlamente gewählt.

Lula da Silva strebt ein Comeback an. Er führt in allen Umfragen, aber gegen ihn läuft auch ein Korruptionsverfahren. Falls die zweite Instanz das im Juli gegen ihn ergangene Urteil bestätigt, wäre seine Kandidatur abrupt beendet.

„Die lokale PT beginnt eigentlich erst jetzt, sich für das Forum zu interessieren“, versichert Mauri Cruz, bei dem in der Vorbereitungszeit viele Fäden zusammenlaufen. Der Aktivist aus Porto Alegre, der vor 15 Jahren dort Verkehrsdezernent war, ist für ein halbes Jahr nach Salvador gezogen, um nun das Forum vor Ort mit zu organisieren.

Der Gesamtetat bleibt bescheiden. Die knapp 2,5 Millionen Euro sind gerade einmal halb so viel wie ursprünglich angestrebt. „Und selbst da war schon eingerechnet, was uns die Bundesuniversität oder die Landesregierung in Form von erlassenen Mieten oder anderen Hilfen bei der Infrastruktur zur Verfügung stellen“, sagt Cruz, „wir machen das Beste aus dem, was wir haben.“

Da ist es äußerst willkommen, dass Brot für die Welt – anders als frühere Großsponsoren wie staatliche Banken, der halbstaatliche Erdölmulti Petro­bras, Oxfam oder die Ford Foundation – das WSF in der Planungsphase weiterhin unterstützt. „Als Plattform des Austauschs bleibt es für uns wichtig“, meint Francisco Marí, der für das evangelische Hilfswerk als Ratsmitglied nach Salvador gekommen ist, „während der Woche im März werden wir uns mit unseren Projektpartnern wie bei anderen internationalen Events auf gemeinsame Veranstaltungen und die weitere Vernetzung konzentrieren.“ Ähnlich sehen das Leute von Attac, politischen Stiftungen oder der deutschen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Die großen Protestbewegungen der letzten Jahre, ob in der arabischen Welt, in Griechenland, Spanien, Großbritannien oder in den USA, fanden unabhängig von den Weltsozialforen statt. „Stars wie Jeremy Corbyn oder Bernie Sanders wären hier höchst willkommen“, sagt Mauri Cruz.

Der Dauerstreit zwischen den „Vertikalisten“, die im Namen des Forums verbindliche Vorgaben verabschieden wollten, und den „Horizontalisten“ um Chico Whitaker ist in den Hintergrund getreten. Von der alten Garde der brasilianischen Organisatoren sind nur noch Whitaker und Grajew nach Salvador gekommen, doch den Ton gibt jetzt die nächste, pragmatische Generation um Mauri Cruz an, der im Namen des Netzwerks Abong (Brasilianische Vereinigung von NGOs) für agiert.

In Salvador sollen die Debatten des Gastgeberlands im Mittelpunkt stehen. PT-kritische Kräfte wie die Wohnungslosenbewegung Bahias (MSTB) wollen das WSF nutzen, um für ihre Anliegen zu werben. „Am Genozid an jungen Schwarzen in den Armenvierteln hat sich auch unter der Arbeiterpartei nichts geändert, die Polizei macht, was sie will“, sagt Wagner Moreira von der MSTB und dem neuen linken Debattenbündnis „Vamos“, das sich die junge spanische Partei Podemos zum Vorbild genommen hat.

In Salvador, wo vier Fünftel der Bevölkerung afrikanische Wurzeln haben, werde die Schwarzenbewegung dem WSF ihren Stempel aufdrücken, glaubt der Aktivist mit den langen schwarzen Zöpfchen. Und auch die Indigenen, die gegen Erdölförderung und Staudamm- oder Bergbauprojekte kämpfen, werden sich Gehör verschaffen. Und natürlich hofft er darauf, dass die südamerikanische Linke Bilanz zieht.

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Ob das Weltsozialforum wenigstens die brasilianische Linke aus ihrer Lethargie reißen kann, ist fraglich. „Hoffentlich kann das WSF soziale Kräfte anziehen, die vorher nicht dabei waren, vor allem die Jungen“, meint Fátima Mello, eine Veteranin der brasilianischen NGO-Szene. In den 13 Jahren der Ära Lula/Rousseff wurde eine ganze Generation von AktivistInnen kooptiert. Nun muss wieder beharrliche Bildungs- und Aufbauarbeit an der Basis geleistet werden.

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1 Siehe auch Gerhard Dilger, Kein Wunder in Brasilien, Le Monde diplomatique, Juli 2013

2 Beim Bürger- oder Beteiligungshaushalt in Porto Alegre – der mittlerweile seit Jahren auf Eis liegt – entschieden die Bürgerinnen und Bürger über die Prioritäten städtischer Investitionen in ihrem Stadtteil. Das Mitbestimmungsmodell fand weltweit Nachahmer. Siehe auch Ignacio Ramonet, Warum Porto Alegre, Le Monde diplomatique, Januar 2001

 

Fotos: Weltsozialforum

In Rio de Janeiro ist die Gewalt in den vergangenen Monaten explodiert. Polizei und Drogengangs liefern sich unerbittliche Gefechte. Auch die erste Favela Lateinamerikas gerät zwischen die Fronten
Blick vom Morro da Previdência
Von Niklas Franzen, neues deutschland
»In Jacarezinho fliegen gerade die Kugeln.« Marco Antônio Silva schlendert durch das heruntergekommene Hafenviertel, vorbei an alten Lagerhallen und verlassenen Wohnhäusern. Der Blick des kleinen Mannes klebt auf seinem Smartphone. »Dann bleibt es wenigstens bei uns heute ruhig.« Handys können in Rio de Janeiro Leben retten. Über WhatsApp und soziale Netzwerke warnen sich Bewohner vor Schießereien. »Lass uns jetzt hochlaufen.«

Mit »hoch« meint Marco einen Buckel aus rotem Backstein, der plötzlich in die Höhe ragt – der Morro da Providência. Südlich vom alten Hafen befindet sich die älteste Favela Lateinamerikas. Das futuristische Museum von morgen, die neueste Touristenattraktion der Stadt, steht nur einige Straßenzüge weiter. Einst kamen in dieser Gegend die Sklaven an, die aus Afrika nach Brasilien verschleppt wurden. Private Investoren und Stadtverwaltung wollen die Gegend nun »revitalisieren«. Eine glitzernde Welt aus Bürogebäuden und Luxusapartments soll hier entstehen.
Auf dickem Kopfsteinpflaster geht es steil nach oben. Baufällige Häuser aus der Kolonialzeit säumen die Straße. Im Schritttempo schlängelt sich ein klapperiger Transporter die enge Gasse herunter. Eine Engelsfigur gafft aus einem verstaubten Fenster. Es ist ein stickig heißer Tag. Vor einem winzigen Schusterladen sitzt ein alter Mann. An einer Straßenecke liegt ein Teenager mit Afrofrisur im Schatten. Sein Kopf lehnt auf einem blauen Rucksack. In der Hand hält der junge Mann eine Pistole. Kurzes Kopfknicken, und es geht weiter nach oben. In einer Kurve bleibt Marco plötzlich stehen und zeigt auf kleine Einbuchtungen in einer Mauer. »Das sind Einschusslöcher.« Bei genauem Hinsehen erkennt man die Narben der Favela an fast jeder Ecke.

Gut ein Jahr nach den Olympischen Spielen durchlebt Rio de Janeiro eine schwere Krise. Der Bundesstaat ist pleite, seit mehreren Monaten gilt der Ausnahmezustand. Öffentliche Angestellte warten seit Monaten auf ihren Lohn, in Krankenhäusern fehlen Medikamente, Schulen sind seit Monaten geschlossen. Etliche Politiker sitzen hinter Gittern. Im vergangenen Dezember wurden innerhalb von 24 Stunden gleich zwei ehemalige Gouverneure verhaftet.

Das »olympische Vermächtnis« lässt auf sich warten. Die sozialen Spannungen haben nach dem Megaevent zugenommen. So verzeichnet die Stadt die höchste Überfallrate seit 14 Jahren. Polizei und Drogengangs liefern sich so schwere Kämpfe wie seit vielen Jahren nicht mehr. Laut Presseberichten kommt es im Durchschnitt zu 16 Schießereien täglich. Die Mordrate ist im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent gestiegen. »Kriegszustand« lautet die nüchterne Analyse von Marco. Auch im Morro da Providência gehört die Gewalt zum Alltag.

Handschlag hier, kurzer Plausch da. Fast alle kennen Marco. Vor 48 Jahren wurde der quirlige Mann mit dem Schnurrbart in der Morro da Providência geboren. Seitdem lebt er in der Favela mit der langen Geschichte. Vor 120 Jahren errichteten Soldaten die ersten Hütten auf dem Hügel. Die Männer hatten im fernen Bahia gegen Aufständische gekämpft. Nach der Rückkehr in die Heimat erhielten die mittellosen Veteranen keinen Wohnraum, wie ihnen vor dem Krieg versprochen wurde.

Aus Protest besetzten die Soldaten kurzerhand das freie Stück Land gegenüber vom Kriegsministerium und nannten den Hügel Favela. So hieß eine giftige Pflanze, mit der die Soldaten im Krieg schmerzhafte Erfahrungen gemacht hatten. Kurze Zeit später zimmerten auch ehemalige Sklaven ihre Hütten auf dem Hügel. Für die »feine Gesellschaft« wurde die Favela schnell zum Synonym für Krankheit und Verbrechen. Bis heute gehört sie nicht zum »Asphalt«, wie der reguläre Teil der Stadt genannt wird.

Als das Internationale Olympische Komitee Rio de Janeiro zum Austragungsort für Olympia machte, sollte der Morro da Providência endlich auch mal ein Stück vom großen Kuchen abbekommen – dachten die Bewohner zumindest. Im Zuge der »Revitalisierung« der Hafengegend baute die Stadtverwaltung den Bewohnern medienwirksam eine Seilbahn vor die Tür. Das umgerechnet 30 Millionen Euro teure Vorzeigeprojekt sollte die Gemeinde mit dem Zentralbahnhof verbinden und Touristen anlocken. Bürgermeister Eduardo Paes schwärmte von einem »zweiten Zuckerhut«.
»Uns hat niemand gefragt, was wir wirklich brauchen. Wir hätten uns viel lieber einen Anschluss an das reguläreAbwassersystem gewünscht.« Die 58-jährige Márcia Regina de Deus lehnt auf dem Holzrahmen ihres Fensters. Ihr mit kunstvollen Graffiti besprühtes Haus befindet sich einen Steinwurf von der Seilbahnstation entfernt. Für den Bau der Seilbahn sollte Márcias Haus weg. Sie wehrte sich und konnte bleiben. Andere hatten weniger Glück. »Sie haben den einzigen Gemeinschaftsplatz zerstört«, schimpft Márcia.

Abriss von Häusern auf dem Morro da Previdência für den Bau der Seilbahn.

Abriss von Häusern auf dem Morro da Previdência für den Bau der Seilbahn

Seit mehreren Monaten steht die Seilbahn nun schon still. Der Eingang der Station ist vergittert. Die Gondeln baumeln verloren an den dicken Drahtseilen. Der Platz vor dem Stahlriesen ist jetzt ein Umschlagplatz für Drogen. Ein Junge, höchstens 18 Jahre alt, sitzt lässig auf einem Motorrad und raucht. Den breiten, nackten Rücken bedeckt ein Bibel-Tattoo. Um den Hals hängt eine fette Goldkette. Zwei Pistolen stecken in der Surfshort. Das Walkie-Talkie piept, eine kurze Anweisung folgt und der junge Gangster knattert davon.

Im Jahre 2008 hatte die Stadtverwaltung damit begonnen, Stationen der Befriedungspolizei UPP in ausgewählten Favelas einzurichten. Ziel des Programms: den Drogenhandel durch eine »bürgernahe« Polizei und Sozialprogramme vertreiben. 2010 hissten Polizisten auch in der ältesten Favela des Landes symbolisch die Nationalfahne. Der Hügel war damit offiziell »befriedigt«. Bei vielen Bewohnern waren die Hoffnungen groß, auch bei Marco: »Das Projekt hat gut begonnen. Es kamen Sozialprogramme und Dienstleistungen hier her.«

Die Drogengangs verloren an Boden, die Mordrate fiel auf historische Tiefstände. Schnell wurden die Programme jedoch wieder eingestellt, die Übergriffe auf Anwohner mehrten sich. Der Fall des Maurers Amarildo de Souza, der von UPP-Polizisten in der Favela Rocinha gefoltert und ermordet wurde, schlug auch außerhalb von Brasilien hohe Wellen. Die Gangs kehrten zurück – stärker denn je. Mittlerweile sprechen sogar führende Politiker davon, dass das Programm gescheitert ist.

»Die UPPs sind ein System der urbanen Kontrolle, das lediglich Sicherheit auf der Fassade bedeutet. Es sollte der Welt verkauft werden, dass Rio de Janeiro sicher ist und die Megaevents stattfinden können«, sagt Cosme Felippsen. »Warum haben sie statt der 200 Polizisten nicht 200 Ärzte, Lehrer oder Kulturarbeiter hierhin geschickt? Das würde die Gewalt viel besser bekämpfen.«

Mit seinen 27 Jahren zählt der große, stämmige Aktivist mit den kindlichen Gesichtszügen bereits zu den bekanntesten Figuren des Hügels. Der charismatische Lockenkopf kämpfte gegen die Räumungen, nebenbei studierte er Recht und verkaufte Süßigkeiten am Zentralbahnhof. Mittlerweile führt er Touristen durch die Favela. Cosme ist stolz auf den Morro da Providência und seine bekannten Kinder. Machado de Assis, der bis heute als wichtigster Schriftsteller Brasiliens gilt, wurde am Fuße des Hügels geboren. Etliche Künstler und Musiker stammen von hier.

Tödlicher Anstieg
Neue Studie zeigt: Viele brasilianische Städte versinken in Gewalt
Nachrichten über Korruption, Politskandale und die Wirtschaftskrise bestimmen derzeit die Berichterstattung über Brasilien. Allerdings bedarf auch ein anderes Thema der Aufmerksamkeit: die zunehmende Gewalt.

Anfang Juni veröffentlichte das Statistikinstitut IPEA einen »Atlas der Gewalt«. Laut der Studie ist die Mordrate in Brasilien weiter gestiegen: von 26,1 Toten pro 100 000 Einwohner im Jahr 2005 auf alarmierende 28,9 Tote im Jahr 2015 – dem Jahr der letzten statistischen Erfassung. Insgesamt wurden 2015 fast 60 000 Menschen getötet; im Jahr 2005 waren es noch 48 000. Das bedeutet einen Anstieg von 22,7 Prozent.

Die Studie zeigt auch die regionale Verschiebung der Gewalt: Während früher vor allem Städte im Südosten betroffen waren, liegen heute die gewalttätigsten Städte im Norden und Nordosten. Im nordöstlichen Bundesstaat Rio Grande do Norte ist die Mordrate in dem erforschten Zeitraum um 232 Prozent gestiegen. Die Situation in vielen Städten komme einem »Kriegszustand« gleich, so die Verfasser.
Insbesondere junge Brasilianer werden Opfer der Gewalt. Obwohl die 15- bis 29-Jährigen nur ein Viertel der Bevölkerung ausmachen, fällt auf sie fast die Hälfte aller Morde. Die Autoren sprechen von einer »verlorenen Generation«.

Der »Atlas der Gewalt« zeigt auch die Kontinuität des Rassismus in Brasilien. Bei Afrobrasilianern ist die Wahrscheinlichkeit, eines gewaltsamen Todes zu sterben, um 23,5 Prozent höher als bei Weißen. Während die Mordrate bei weißen Brasilianern um 12,2 Prozent abgenommen hat, ist sie bei schwarzen um 18,8 Prozent gestiegen. Von 100 Toten eines Gewaltverbrechens sind 71 schwarz – obwohl schwarze Brasilianer nur knapp über die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.

Als Gründe für die steigende Gewalt nennen Experten die weiterhin starken sozialen Ungleichheiten. Auch im Jahr 2017 hat die Mordrate in zahlreichen Städten neue Höchstwerte erreicht. Viele Bundesstaaten sind pleite und können Sicherheitskräfte nicht mehr bezahlen. Städte wie Rio de Janeiro rutschen immer mehr ins Chaos.

Auch die landesweite Krise, die neoliberale Austeritätspolitik der rechten Regierung und die dadurch verursachte Verarmung von großen Teilen der Bevölkerung verschärfen die Situation. Da ein Ende der wirtschaftlichen und politischen Talfahrt nicht in Sicht ist, kann man davon ausgehen, dass Brasilien auch zukünftig neue Gewaltrekorde aufstellen wird.

Das Studio von »Radio Leben Retten« ist kaum größer als ein Badezimmer. An der knallblauen Wand hängt ein Kalender mit einem kitschigen Bild von zwei Tauben vor einem Sonnenuntergang. Vor elf Jahren haben der evangelikale Marco und ein Kollege das christliche Radio gegründet. Seitdem wird rund um die Uhr über das Internet gesendet. Es gebe Hörer in der ganzen Welt, berichtet Marco stolz. »Wir wollen den Kindern zeigen, dass die Drogendealer nicht die Helden sind.«

Mit dem Wort Gottes kämpfen die Frommen gegen die Gewalt. In ihrer Sendung klagen sie aber auch Polizeigewalt an. Das war in der Vergangenheit nicht immer ungefährlich. Als das Radio über einen Fall von Polizeischikane berichtete, landete eine Tränengasbombe vor dem Studio. Gerade erst hat die Polizei einen Sendekasten zerstört. Ein klarer Versuch der Einschüchterung, so Marco. Polizisten verwüsteten Häuser von Anwohnern, es kam zu gewaltsamen Übergriffen. Vor ein paar Tagen brachen Polizisten in das Haus von Marcos Tochter ein.

Ende März stürmte die Polizei wieder einmal den Hügel. Der 17-jährige Neffe von Cosme starb bei dem Einsatz. Die Polizei sagte später, dass sie von einer Gruppe bewaffneter Männer beschossen wurden und das Feuer erwiderten. Mord, sagten die Bewohner. »Mein Neffe hat auf niemanden geschossen. Er wurde angeschossen, lag auf dem Boden und hat uns Hilfe geschrien. Die Polizei hat ihn dann einfach erschossen«, berichtet Cosme.
Es war nicht der erste Schicksalsschlag für den jungen Mann: Seine Mutter starb an Krebs, sein Bruder wurde 2010 von der Polizei getötet. Nun sein Neffe. Wie so oft verteidigte sich die Polizei damit, in »Selbstverteidigung« gehandelt zu haben. Zu Ermittlungen kommt es so gut wie nie. Die Toten der Favela sind oft nicht einmal eine Randnotiz in den Zeitungen wert. Soziale Bewegungen sprechen von einem »Genozid der schwarzen Bevölkerung«. Auch Cosmes Neffe passt genau in das Profil der meisten Opfer: arm, jung und schwarz.

Die Kollateralschäden bei Einsätzen in den extrem dicht besiedelten Favelas sind groß. Fast täglich sterben Unbeteiligte bei den Gefechten. Auch Marco meint: »Die Polizei interessiert es nicht, dass hier Menschen wohnen. Die kümmern sich nur um die Dealer.«

Alle acht Stunden tötet die Polizei in Rio de Janeiro, jedes fünfte Todesopfer in der Stadt stirbt durch Polizeikugeln. Damit tötet die Polizei in Rio de Janeiro so oft wie nirgendwo sonst in Brasilien – und nirgendwo sonst werden so viele Polizisten getötet. Bereits 85 Polizeibeamte starben in den ersten sechs Monaten dieses Jahres. Ein Ende der Gewaltspirale ist nicht in Sicht. Unlängst er- klärte Bürgermeister Marcelo Crivella, kugelsichere Scheiben in Schulen einbauen zu lassen. Und der Alltag? Cosme lacht kurz auf. »Wir weichen vor den Kugeln aus, das ist der Alltag hier.«
162 Treppenstufen führen auf die Spitze des Hügels. Vor einer kleinen Kirche spielt eine Gruppe Kinder im schwachen Licht. Ein Hund wühlt in einer Mülltonne. Durch ein Labyrinth aus Häusern gelangt man zu einer Aussichtsplattform. Die Lichter der Millionenstadt glitzern friedlich in der Ferne. Zumindest heute kann die Favela ruhig schlafen.

Fotos: Luiz Baltar

Die Russische Revolution verstand sich als Auftakt der unmittelbar bevorstehenden Weltrevolution. Jedoch lag Lateinamerika lange Zeit nicht nur geografisch sehr fern
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Von Klaus Meschkat
Als die aus dem Exil zurückgekehrten Führer der Bolschewiki Anfang November 1917 mit einem bewaffneten Umsturz in Petrograd an die Macht gelangten, verstanden sie sich als Vorhut einer unmittelbar bevorstehenden Weltrevolution. Die Russische Revolution sollte deren Auftakt sein, und dies allein rechtfertigte die Eroberung der Regierungsgewalt im Namen eines Proletariats, das in Russland selbst erst eine kleine Minderheit der Bevölkerung darstellte. Zunächst richteten sich die weltrevolutionären Hoffnungen recht «eurozentrisch» auf das Proletariat der industriell entwickelten Länder, in erster Linie auf Deutschland.
Die außereuropäische Welt kam dabei anfangs wenig in den Blick, und erst nach dem Scheitern proletarischer Revolutionen in West- und Mitteleuropa erhielt das revolutionäre Potenzial nationaler Befreiungsbewegungen in den Kolonien und Halbkolonien für die Bolschewiki eine stärkere strategische Bedeutung. Verständlicherweise wandten sie sich dabei erst einmal den «Völkern des Ostens» als Teil oder in unmittelbarer Nachbarschaft des russischen Großreichs zu, während Lateinamerika lange Zeit nicht nur geografisch sehr fern lag.
Dabei hatte in Mexiko noch vor der Oktoberrevolution eine der großen Revolutionen des 20. Jahrhunderts begonnen. Ihr Echo war aber im Europa des Ersten Weltkriegs mit seinen unmittelbaren Nachwirkungen wenig hörbar, während in Mexiko der radikalere Flügel der Revolution durchaus die weltgeschichtliche Bedeutung der Russischen Revolution wahrnahm und eine Verbindung herzustellen suchte.
So schrieb Emiliano Zapata im Februar 1918 an einen Freund: «Viel würden wir gewinnen, viel gewönne die menschliche Gerechtigkeit, wenn alle Völker unseres Amerikas und alle Nationen des alten Europas verstünden, dass die Sache des revolutionären Mexikos und die Sache Russlands die Sache der Menschheit sind, das höchste Interesse aller unterdrückten Völker.» Zapata sprach im selben Brief von der «sichtbaren Analogie, dem ausgeprägten Parallelismus, der absoluten Gleichartigkeit zwischen der russischen Bewegung und der Agrarrevolution in Mexiko». Auch der Theoretiker und Aktivist des mexikanischen Anarchismus, Ricardo Flores Magón, sah zur gleichen Zeit im russischen Oktober den Beginn einer großen Weltrevolution.
Nicht nur in Mexiko wurde die Botschaft aus Petrograd in ähnlicher Weise aufgenommen – der Sturz der alten Ordnung in Russland war eine Ermutigung für die Ausgebeuteten und Unterdrückten aller Länder, sich überall gegen die überkommene Herrschaft zu erheben. In den ersten Nachrichten über die russischen Sowjets fanden insbesondere die Anarchisten und Anarchosyndikalisten in mehreren lateinamerikanischen Ländern eine Bestätigung ihrer eigenen Doktrin.
Die anfängliche Begeisterung schlug allerdings in Enttäuschung und Distanzierung von den Bolschewiki um, als deren rein instrumentelles Verhältnis zur Rätedemokratie zutage trat – endgültig nach der militärischen Zerschlagung der Kommune von Kronstadt im März 1921. Zu diesem Zeitpunkt wandte sich auch der mexikanische Anarchist Ricardo Flores Magón mit scharfen Worten gegen die «Diktatur von Lenin und Trotzki».
Unmittelbarer und früher als in anderen Ländern Lateinamerikas machten sich die Auswirkungen der russischen Oktoberrevolution in Argentinien bemerkbar. Schon wegen des großen Umfangs der späten Einwanderung aus Europa, vor allem aus Italien und Spanien, in geringerer Zahl auch aus Deutschland, England und Russland, war das Land stärker an Europa orientiert, auch in seiner frühen Arbeiterbewegung.
Bei den inneren Auseinandersetzungen in der 1896 gegründeten Sozialistischen Partei ging es 1916 um den Kriegseintritt Argentiniens an der Seite der Entente gegen die Mittelmächte, der von der reformistischen Parteiführung befürwortet wurde. Die parteiinterne Opposition, die analog zu den Kriegsgegnern in Europa eine Beteiligung am imperialistischen Krieg ablehnte, spaltete sich als Internationale Sozialistische Partei (PSI) ab und wurde nach der Oktoberrevolution zur Keimzelle der Kommunistischen Partei (KP) in Argentinien.

Weiter im pdf:
Das Vorbild kennen, um es nicht zu wiederholen
Berlin, Juli 2017

Klaus Meschkat ist Soziologe und Historiker. Er war unter anderem Professor an der Universidad de Antioquia in Kolumbien (1969/70) und trat 1973 eine Professur an der Universidad de Concepción in Chile an. Beim Putsch kurz darauf ließ ihn die Militärregierung unter General Pinochet festnehmen und auf der Insel Quiriquina einsperren. Schließlich wurde er ausgewiesen. Zurück in Deutschland war er bis zu seiner Pensionierung Professor für Soziologie an der Universität Hannover mit dem Schwerpunkt Lateinamerika.

Von Alberto Acosta, degrowth.de

  Wir werden nie eine perfekte Welt erschaffen.
Und wir sollten uns dessen bewusst sein.

Carlos Taibo, 2015

Alberto-Acosta-Cochabamba-2010-Foto-DilgerDas Gute Leben wurde von Anfang an als plurales Konzept verstanden, nämlich als buenos convivires: als verschiedene Arten des guten Zusammenlebens. Denn es geht nicht darum, die Tore für ein einziges, homogenes, nicht realisierbares Gutes Leben zu öffnen, sondern vielmehr um das gute Miteinander-Leben von Menschen in einer Gemeinschaft, von verschiedenen Gemeinschaften und von Individuen und Gemeinschaften einerseits und der Natur andererseits.
Das Gute Leben muss als Kategorie verstanden werden, die sich im ständigen Konstruktions- und Reproduktionsprozess befindet. Es ist kein statisches und erst recht kein rückständiges Konzept. Buen Vivir ist eine zentrale Kategorie in der Lebensphilosophie vieler Gesellschaften. Aus dieser Perspektive wird sie zu einem Lebensentwurf, der globales Potenzial hat, obwohl er in der Geschichte marginalisiert wurde.
Zunächst ist festzuhalten, dass in einigen indigenen Wissenswelten keine analoge Vorstellung zum westlichen „modernen“ Konzept der Entwicklung existiert. Dann gibt es keine Wahrnehmung von einem linearen Lebensprozess, in dem ein vorheriger und ein späterer Zustand – die „Unterentwicklung“ und später dann die „Entwicklung“ – bestimmt werden. Die durch Akkumulation von und Mangel an materiellen Gütern bestimmten Konzepte des Reichtums und der Armut gibt es ebenfalls nicht.

Aktuelle Veranstaltungen: „Buen Vivir – Das Recht auf ein Gutes Leben”

buenvivirsliderVeranstaltungswoche Buen Vivir in Berlin. Am 25.4.2017 startet die 6. Tournee mit Alberto Acosta und Grupo Sal in verschiedenen deutschen Städten. Handelszusammenarbeit, Freihandel und die aktuelle Lage in Ecuador. Veranstaltung mit Alberto Acosta, Helmut Scholz und Harald Wolf (angefragt), mehr.

Somit bringt Buen Vivir eine Weltanschauung mit sich, die sich von der westlichen insofern unterscheidet, als dass sie gemeinschaftliche, nicht kapitalistische Wurzeln hat. Sie bricht sowohl mit der anthropozentrischen Logik des Kapitalismus als dominanter Zivilisation als auch mit verschiedenen bisherigen Ausprägungen des Sozialismus. Letztere müssen aus einer sozio-biozentrischen Position neu gedacht werden und lassen sich nicht allein durch einen Namenswechsel aktualisieren.

Das Gute Leben bringt eine dekolonialisierende Aufgabe mit sich, die zudem depatriarchalisierend sein sollte (vgl. Kothari u. a. 2015). Um das zu erreichen, braucht es einen tiefgreifenden Prozess der intellektuellen Dekolonialisierung auf der politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Ebene.
Letztendlich ist Buen Vivir eine hoch subversive Erfahrung, die keineswegs eine Einladung zur Rückkehr in die Vergangenheit oder in eine idyllische, im Übrigen gar nicht existierende Welt ist. Es darf auch nicht zu einer Art Religion mit eigenen Geboten, Vorschriften und Ämtern ‒ inklusive der politischen ‒ werden. Unter Buen Vivir können wir uns vorstellen: ein Leben des Menschen in Harmonie mit sich selbst, mit seinen Mitmenschen in der Gemeinschaft, der Gemeinschaft untereinander und zwischen Mensch und Natur.
Gelebte Praktiken der Gegenseitigkeit in der Anden- und Amazonasregion

Dank an Pachamama (Mutter Erde) in der Gegend von Suscal, mit der Pachakutik-Fahne der politischen Indigenenbewegung in Ecuador

Auf der wirtschaftlichen Ebene existieren in der Anden- und Amazonasregion viele Praktiken der Gegenseitigkeit, der Solidarität und viele Antworten, die auf verschiedene Arten im sozialen Handeln lebendig sind. In aller Kürze und ohne ihre Übertragbarkeit oder Verallgemeinerbarkeit zu behaupten, werden im Folgenden einige Formen der wirtschaftlichen Beziehungen in indigenen Gemeinschaften dargestellt:

  • Minka (minga): eine Institution gegenseitiger Hilfe auf gemeinschaftlicher Ebene. Sie garantiert eine Arbeitskraft, die dem Gemeinwohl dient und zur Deckung der kollektiven Bedürfnisse und Interessen verrichtet wird, beispielsweise bei Infrastrukturprojekten wie Bau und Instandhaltung eines Bewässerungskanals oder eines Weges. Es handelt sich also um eine Form der kollektiven Arbeit.
  • Ranti-ranti: Anders als die punktuelle und einmalige Tauschwirtschaft, die in Wirtschaftssystemen einiger Mestizos vorkommt, ist der Tausch hier Teil einer Kette, in der sich unendliche Transfers von Werten, Produkten und Arbeitstagen aneinanderreihen. Dies basiert auf dem Prinzip „Geben und Nehmen“, ohne es in Bezug auf Zeit, Aktion oder Raum einzugrenzen, und steht in Verbindung zu bestimmten ethischen, kulturellen und historischen Werten der Gemeinschaft.
  • Uyanza: Damit wird zum Zusammenleben und zur Einheit der Gemeinschaften aufgerufen. Außerdem bietet Uyanza die Gelegenheit, der Mutter Erde für ihre Fähigkeit, sich zu regenerieren und den Menschen ihre Produkte zu schenken, zu danken. Weiterhin handelt es sich um eine Institution sozialer Hilfe, auch spezifisch für die Familien, die ihre Arbeitskraft als Leihgabe zur Verfügung gestellt haben.
  • Uniguilla: eine Tauschmöglichkeit, die der Ergänzung von Nahrung und Nutzobjekten dient. Sie ermöglicht eine bessere Ernährung, nämlich mit Produkten anderer Regionen und besonders aufgrund ökologischer Nischen.
  • Waki: Bei Abwesenheit werden landwirtschaftliche Flächen anderen Gemeinschaften oder Familien zugeteilt, die das Land bewirtschaften. Die Erzeugnisse werden zwischen beiden Familien oder Gemeinschaften aufgeteilt. Dieses System findet auch bei der Tierpflege und Viehzucht Anwendung.
  • Makikuna: eine Art der Unterstützung, in welche die gesamte Gemeinschaft, die erweiterte Familie, befreundete Personen und die Nachbarschaft einbezogen werden. Sie beinhaltet die seelische Unterstützung in jenen Momenten, in denen sie am meisten gebraucht wird, besonders bei unvorhersehbaren Situationen und Notfällen.

Die ursprünglichen TrägerInnen des Buen Vivir
Die Gedanken um Buen Vivir tauchten erst vor kurzer Zeit im öffentlichen Diskurs auf, vor allem in Ecuador und Bolivien; ihr Aufkommen erklärt sich durch den Kampf der indigenen Bewegungen, der besonders Ende des 20. Jahrhunderts an Kraft gewann. Damit verbundene Werte, Erfahrungen, Praktiken und Weltanschauung im Allgemeinen waren schon vor Ankunft der europäischen Conquistadores präsent. Sie wurden jedoch unsichtbar gemacht, ausgegrenzt oder offen bekämpft. Es darf nicht vergessen werden, dass das gute Leben nicht nur in Lateinamerika, sondern in den verschiedensten Epochen und Regionen der Mutter Erde bekannt war und ist – und praktiziert wurde und wird.
Die bekanntesten sprachlichen Darstellungen des Guten Lebens führen uns zu den ursprünglichen Sprachen von Ecuador und Bolivien: im ersten Fall das Buen Vivir (Spanisch) oder Sumak Kawsay (Kichwa) und im zweiten Fall das Vivir Bien (Spanisch) oder Suma Qamaña (Aymara), Sumak Kawsay (Quechua), Ñande Reko oder Tekó Porã (Guarani). Andere indigene Völker kennen ähnliche Konzepte, wie zum Beispiel die Mapuche in Chile, die Guarani in Paraguay, die Kuna in Panama, die Shuar und Achuar des ecuadorianischen Amazonasgebiets, ebenso die Maya in Guatemala und im mexikanischen Chiapas. Auch der afrikanische Ubuntu (Gemeinschaftssinn) und die indische Swaraj (Radikale Ökologische Demokratie) zählen dazu.
Aus dieser Vielfalt heraus entstehen viele Bewegungen, die die Ideen des guten Lebens voranbringen. Nichtsdestotrotz kann nicht von einer Bewegung des Guten Lebens als solcher gesprochen werden. Denn bestimmte Gruppen stellen sich, obwohl sie Buen Vivir befürworten, verteidigen, artikulieren und eigene Impulse geben, nicht unter die Flagge des Buen Vivir. Zudem handelt es sich um Erfahrungen, Werte und Praktiken, die bereits in verschiedenen Teilen des Planeten existieren und ihre Kraft aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Perspektiven gewinnen. Es gibt keinen Versuch – zumindest bisher – diese Prozesse auf eine stärker institutionalisierte Weise zu organisieren, und womöglich ist dies auch nicht wünschenswert. So kann die Entstehung von starren und dogmatischen Visionen und Vorschlägen vermieden werden, die letztendlich jene Kreativität ersticken, die für die Konstruktion der Buenos Convivires unerlässlich ist. In Bolivien und Ecuador ist dieses Konzept durch die jeweilige Verfassung bekräftigt worden: die Verfassung der Republik Ecuador von 2008 und die Verfassung des Plurinationalen Staates Bolivien von 2009.
Die Verfassung enthält eine Reihe von Einsichten, die damals gleichzeitig Gestalt annahmen. In einem Moment des Schaffens, des Auftauchens neuer Ideen, haben sich einzigartige Vorschläge in dem kleinen Andenstaat Ecuador durchgesetzt – beispielsweise die Aufnahme der Rechte der Natur in die Verfassung oder die Anerkennung des Grundrechts auf Wasser, das jede Form der Privatisierung dieser lebenswichtigen Flüssigkeit verbietet, oder die Idee, Rohöl, das im Untergrund des Amazonasgebietes vorhanden ist, dort zu belassen. In der Präambel wird das Ziel genannt, „eine neue Form des Zusammenlebens der Bürger und Bürgerinnen in Vielfalt und Harmonie mit der Natur aufzubauen, um das Gute Leben, das Sumak Kawsay zu erreichen“.
Des Weiteren ist Aufmerksamkeit geboten, um nicht in die „Falle“ der ecuadorianischen oder bolivianischen offiziellen Propaganda vom Guten Leben zu tappen. Auf staatlicher Ebene ist dieses Konzept letztendlich ausgehöhlt worden, insofern es dem Verlangen nach Machtkonzentration und Disziplinierung der Gesellschaften untergeordnet wurde, während zugleich der Kapitalismus modernisiert wurde.
Buen Vivir im Kontext der Geschichte Lateinamerikas
Um das Gute Leben zu verstehen, braucht es die Geschichte und die Gegenwart der indigenen Völker und Nationen. Es ist im Wesentlichen ein Prozess, der sich auf das Prinzip der historischen Kontinuität stützt. Buen Vivir ist Teil einer langen Suche nach Lebensalternativen, die durch die leidenschaftlichen Kämpfe indigener Völker und Nationen geschmiedet werden. Das Besondere und Tiefgründige dieser Alternative ist, dass sie aus seit langem marginalisierten, ausgegrenzten, ausgebeuteten oder sogar zerstörten Gemeinschaften stammt. Ihre lange missachteten Vorschläge laden jetzt dazu ein, mit bisher als alternativlos erachteten Konzepten zu brechen.
Die Vorschläge des Buen Vivir gewinnen in einem Moment der allgemeinen Krise des oligarchischen, kolonial verwurzelten Nationalstaates und des Neoliberalismus in Lateinamerika an Präsenz und sind der wachsenden Organisationskraft indigener und anderer Basisbewegungen zu verdanken. Mit der Perspektive des Einklangs mit der Natur, die Buen Vivir auszeichnet, verstetigte sich auch die Diskussion über Alternativen rund um den Umweltschutz.
Die indigene Gemeinschaft im weitesten Sinne verfolgt ein kollektives Zukunftsprojekt. Die Utopien der Anden- und der Amazonasregion prägen momentan den Diskurs, die politischen Projekte und die soziale, kulturelle sowie wirtschaftliche Praxis. Der Ansatz darf jedoch nicht ausgrenzend sein und keine dogmatischen Visionen hervorbringen. Er muss durch andere Diskurse und weitere Vorschläge aus den verschiedenen Erdregionen ergänzt und erweitert werden, die in ihrem Kampf für eine zivilisatorische Transformation spirituell und vielleicht auch politisch miteinander verbunden sind.
Yasuní-ITT – über die Schwierigkeit, globale Utopien zu erreichen
Zur Förderung des großen Wandels gibt es nicht nur Theorien, sondern auch konkrete Praktiken und dies sogar auf globaler Ebene. Der Vorschlag der Yasuní-ITT-Initiative, das Erdöl aus dem ecuadorianischen Amazonasgebiet in der Erde zu belassen, war und ist nach wie vor ein hervorragendes Beispiel für eine globale Aktion, die von der Zivilgesellschaft eines kleinen Landes ausging. Es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die ecuadorianische Amazonasregion seit Jahrzehnten von der Ölförderung betroffen ist. Infolgedessen haben viele indigene Völker, die in selbstgewählter Isolierung leben, die Förderregionen verlassen. Zurzeit leben sie in den letzten übrig gebliebenen Waldregionen. In einem immer weiter schrumpfenden Gebiet, das seinen eigentlichen Reichtum – die Artenvielfalt – zum Teil bereits verloren hat, konzentriert sich und steigt die indigene Bevölkerung. Das führt dazu, dass es immer mehr Widerstand seitens dieser Gruppen gegenüber der Ölförderung gibt, was wiederum zu einer wachsenden Unterstützung durch Bewegungen in Ecuador und der gesamten Welt geführt hat.
Im Angesicht einer hochkomplexen Realität verfolgte die Yasuní-ITT-Initiative vier Ziele: 1. der Schutz des Territoriums und damit des Lebens der indigenen Völker in selbstgewählter Isolierung, 2. der Erhalt einer weltweit nicht vergleichbaren Artenvielfalt (die größte wissenschaftlich erfasste regionale Biodiversität des Planeten), 3. der Schutz des globalen Klimas durch die Nichtausbeutung großer Rohölmengen und die damit einhergehende Vermeidung von 410 Millionen Tonnen CO2-Emissionen, 4. ein erster, weltweit beispielhafter Schritt Ecuadors hin zu einem postfossilen Wandel.
Das ist noch nicht alles. Es könnte ein fünftes Ziel, ein weiterer Pfeiler, ausgemacht werden: die Möglichkeit aufzuzeigen, kollektiv als Menschheit konkrete Antworten auf die schwerwiegenden weltweiten Probleme zu finden, die in Zusammenhang mit dem – menschlich herbeigeführten und durch die letzte Phase der globalen Kapitalexpansion verschärften – Klimawandel stehen.
Als Gegenleistung erwartete Ecuador die finanzielle Beteiligung der internationalen Gemeinschaft in Form einer geteilten und differenzierten Verantwortung, dies im Verhältnis zum Ausmaß der Umweltzerstörung, getragen durch die verschiedenen verursachenden Gesellschaften, besonders durch die reichsten. Es sollte sich nicht um eine Entschädigung handeln, um weiterhin gemäß dem traditionellen Entwicklungsbegriff (desarrollismo) zu agieren. Vielmehr sollte die Gegenleistung den Ausgangspunkt bilden für den Aufbau eines Szenarios, in dem die schweren – durch den Extraktivismus und durch das Wirtschaftswachstum hervorgerufenen – globalen Ungleichgewichte gestoppt und rückgängig gemacht werden. Die Initiative gilt als gescheitert, weil die reichen Länder ihre Verantwortung nicht übernommen haben und weil die ecuadorianische Regierung nicht auf der Höhe der aus der Zivilgesellschaft heraus entstandenen revolutionären Herausforderung war (vgl. Acosta 2014ab).
Ein Vermächtnis der Initiative sollte besonders hervorgehoben werden: eine starke, soziale Bewegung junger Menschen, die sich für die Verteidigung des Yasuní einsetzen und sich im Kampf bestens organisieren und verbünden, um einen zivilisatorischen Wandel herbeizurufen.
Gegenwärtig gibt es viele konkrete Alternativvorschläge, die hier aus Platzgründen nicht angesprochen werden können. Wichtig ist, dass diese Ideen in den letzten Jahren stark expandieren, sogar über Landesgrenzen hinweg 1 , und dass dieser Aufbau Teil eines langen und komplexen Emanzipationsprozesses der Menschheit ist.
Postwachstum im globalen Norden, Post-Extraktivismus im globalen Süden
Wir stehen vor einer Herausforderung. Die Raserei des wirtschaftlichen Wachstums zu stoppen oder gar eine Wachstumsrücknahme zu erreichen, besonders im globalen Norden, ist unerlässlich. Auf einem endlichen Planeten ist kein Platz für permanentes Wirtschaftswachstum. Folgen wir weiterhin dem eingeschlagenen Weg, kommen wir in eine Situation, die ökologisch immer weniger haltbar ist und die sich in sozialer Hinsicht durch eine zunehmende und gefährliche Sprengkraft auszeichnet. Diese Art Religion des Wirtschaftswachstums zu überwinden, besonders im globalen Norden, wird mit der Abkehr vom Extraktivismus im globalen Süden einhergehen müssen. Das bedeutet, dass wir post-extraktivistische Strategien entwickeln und verfolgen müssen.
Der Zusammenhang dieser beiden Prozesse – Degrowth und Post-Extraktivismus – im globalen Kontext liegt auf der Hand: Wenn im Norden die Volkswirtschaften nicht mehr wachsen sollen, muss ihre Nachfrage zurückgehen. Somit wäre es nicht mehr länger im Sinne der Länder des Südens, ihre eigene Wirtschaft auf die Ausfuhr von Rohstoffen für diese Volkswirtschaften zu stützen. Aus diesem und vielen anderen Gründen ist es wichtig, dass auch verarmte Länder sich des Themas Postwachstum verantwortungsvoll annehmen.
Aus der Konvergenz der Visionen und Aktionen im Post-Extraktivismus und im Postwachstum folgt jedoch keineswegs, dass die Gesellschaften der verarmten Länder –um den reichen Ländern ihr nicht nachhaltiges Konsum- und Verschwendungsniveau weiterhin zu ermöglichen – ihre Lebensbedingungen nicht verbessern sollten. Mitnichten.
Kapitalismuskritik als gemeinsamer Nenner
Der gemeinsame Nenner beider Perspektiven ist die vehemente Kritik am Kapitalismus, der eine immer stärkere Kommerzialisierung der verschiedenen sozialen Gefüge und der Naturelemente mit sich bringt. Die VertreterInnen beider Kritikansätze sind sich darin einig, dass das Grundsatzproblem in den sozial stark verankerten Verständnissen und Praktiken von Fortschritt, Entwicklung und Wirtschaftswachstum liegt. Beide Ansätze ergänzen sich sogar konzeptuell: Degrowth ist ein „Raketenwort“ (missile word), destruktiv, nicht konstruktiv, während das Buen Vivir im Kern konstruktiv ist (vgl. Unceta 2014).
Für den Ausstieg aus dem Kapitalismus muss der Weg für die Transitionen durch eine Vielzahl verschiedener alternativer Praktiken frei gemacht werden. Auf der gesamten Welt existieren viele dieser Praktiken, die nicht kapitalistisch sind. Es gibt darunter Beispiele, die sich an utopischen Zielvorstellungen orientieren und sich für ein harmonisches Zusammenleben von Mensch und Umwelt aussprechen. Diese Idee und Praxis verbinden das gute Leben mit dem Bestreben von Postwachstum. Letzten Endes geht es darum, sich von dem gescheiterten Versuch zu verabschieden, produktionsorientierten Fortschritt und Entwicklung als mechanistisch verstandene Einbahnstraße des Wirtschaftswachstums, als globales Mandat und als geradlinigen Weg weiterzuverfolgen. Das ist entscheidend. Es geht nicht darum, Beispiele, die in den Industrieländern vermeintlich erfolgreich sind, im globalen Süden neu aufzulegen. Erstens ist es unmöglich. Zweitens sind sie eben nicht wirklich erfolgreich (vgl. Tortosa 2011).
Umsetzung der Utopie in der indigenen Welt
Die indigene Welt war Opfer der Conquista und der der Kolonialisierung. Diese ausbeuterischen und repressiven Prozesse wirken sich bis in die heutige republikanische Zeit aus. Der koloniale und kapitalistische Einfluss zeigt sich in vielen verschiedenen Formen, und dies schließt die Möglichkeit einer romantischen Annäherung an die indigene Realität aus. Das Gute Leben als Summe von Lebenspraktiken im Widerstand gegen Kolonialismus und dessen Folgen fördert jedoch eine bestimmte Lebensweise in verschiedenen indigenen Gemeinschaften – besonders in jenen, die nicht von der kapitalistischen Modernität aufgesogen wurden oder die sich entschieden haben, sich davon abzugrenzen. Aber auch in Gemeinschaften, die der Modernität „erlegen“ sind, finden sich Elemente des Buen Vivir. Und selbst in Räumen, die nicht unmittelbar mit der indigenen Welt in Verbindung stehen, werden gemeinschaftliche Lebensentwürfe entwickelt, die Harmonie zwischen ihren Mitgliedern und mit der Natur ermöglichen.

Im Bereich der Politik – genauer gesagt: in der politischen Entscheidungsfindung – wird mit Buen Vivir auf gemeinschaftlicher Ebene und auf Ebene der Ayllu 2 in weiten Teilen der Anden- und Amazonasregion ein anderer Stil und eine andere Form des Regierens praktiziert. Diese zielen auf den Aufbau einer horizontal gestalteten Gesellschaft ab. Das erfordert direkte Demokratie, direkte Aktion und Selbstverwaltung statt neuer Formen des Top-down und – noch wichtiger – statt einer individuellen, „erleuchteten“ Führung. Mit breiten und partizipativen Debatten wird ein Konsens erreicht, der von der Gemeinschaft getragen wird.
Ein Schlüsselelement ist dabei: Die Lösung ist nicht der Staat – und noch weniger der Markt. Es braucht vielmehr eine andere Art von Staat – einen plurinationalen Staat, wie die indigenen Bewegungen von Bolivien und Ecuador ihn vorschlagen3 –, der nicht hierarchisch und nicht autoritär ist, der von unten, auf der gemeinschaftlichen Ebene, kontrolliert wird. Dabei stellt sich die große Frage, wie Politik als ein lebendiger Raum innerhalb der Gesellschaft zurückgewonnen werden kann.
Unsere Demokratie kann viel von diesen Erfahrungen lernen.
Buen Vivir im städtischen Raum
Buen Vivir ist nicht auf das Ländliche beschränkt. Es stimmt, dass die Grundlagen aus dem ländlichen Raum stammen. Die heutigen urbanen Räume scheinen relativ weit entfernt von der Praxis eines solidarischen und respektvollen Umgangs mit der Umwelt zu sein. Dies ist eine der größten und komplexesten Herausforderungen: das gute Leben für und aus den Städten heraus zu denken.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass viele in Städten lebende Migrantinnen und Migranten enge Beziehungen zu ihren ursprünglichen Gemeinschaften unterhalten. Als Beispiel dafür seien verschiedene Gruppen erwähnt, die sich zusammengefunden haben, um in der bolivianischen Stadt El Alto Formen des Buen Vivir zu (re)konstruieren. Auch in anderen Teilen der Welt lassen sich viele interessante Praktiken und Ansätze finden. Exemplarisch für das immer größer werdende Universum solcher Alternativen sei Transition Town genannt. Diese Initiativen beabsichtigen, die Kontrolle den Gemeinschaften zu übergeben, um die Herausforderung des Klimawandels zu überstehen und um eine postfossile Wirtschaft aufzubauen. Diese Bewegung ist in verschiedenen Ländern der Welt aktiv und weist in gewisser Hinsicht viele Parallelen zu Buen Vivir auf.
Gutes Leben als mobilisierender und vielstimmiger Ansatz
Das Buen Vivir integriert verschiedene humanistische und anti-utilitaristische Ansätze aus verschiedenen Regionen (oder sollte es zumindest tun). Besonders seit Anfang des 21. Jahrhunderts gewinnen immer mehr und vielfältige Protestbewegungen gegen das klassische Entwicklungs- und Fortschrittsverständnis an Kraft. Hervorzuheben ist angesichts der Umweltzerstörung und der Ausschöpfungssignale der Natur die immer stärker werdende Umweltbewegung (vgl. Acosta 2012).
Die Ansätze des Guten Lebens der indigenen Anden- und Amazonasregion verbinden sich also mit verschiedenen Ansätzen gemeinschaftlichen Lebens, etwa mit jenen der Zapatistas oder der KurdInnen sowie mit feministischen, bäuerlichen, ökologischen Kämpfen. Hier finden sich viele Gemeinsamkeiten mit der aufblühenden Postwachstumsbewegung.

  • Ritual zur Unterstützung von Personen, deren Verteidigung ihrer Regionen und der Natur von der ecuadorianischen Regierung kriminalisiert wird…

    Daraus lässt sich die Lehre ziehen, dass es nicht den einen wahren Ansatz gibt. Das Buen Vivir ist kein synthetisierter, monokultureller Vorschlag. Vielmehr nimmt das gute Leben Beiträge und Wissen anderer Kulturen auf, die in Frage stellen, was die dominante Modernität voraussetzt. Dabei lehnt es Technologien der modernen Welt nicht ab, solange sie mit dem Aufbau gemeinschaftlicher Beziehungen in Einklang und mit Respekt gegenüber der Natur vereinbar sind.
    Daraus lässt sich die Lehre ziehen, dass es nicht den einen wahren Ansatz gibt. Das Buen Vivir ist kein synthetisierter, monokultureller Vorschlag. Vielmehr nimmt das gute Leben Beiträge und Wissen anderer Kulturen auf, die in Frage stellen, was die dominante Modernität voraussetzt. Dabei lehnt es Technologien der modernen Welt nicht ab, solange sie mit dem Aufbau gemeinschaftlicher Beziehungen in Einklang und mit Respekt gegenüber der Natur vereinbar sind.

Eine doppelte Begegnung mit Natur und Gemeinschaft ist nötig
Es braucht eine neue Ethik, um das Leben aus selbstverwalteten, gemeinschaftlichen Räumen heraus zu organisieren, mit Verzicht auf Herrschaftsbeziehungen. Die daraus entstehende Gesellschaft soll horizontal, offen und nicht sektiererisch sein. Von dieser Ethik ausgehend wird eine Wirtschaft entstehen, die die Reproduktion des Lebens fördert und nicht die des Kapitals. Auch wird sie die Existenz aller Lebewesen sichern und die jetzige menschenzentrierte Realität – mit dem Menschen als Herrscher des Universums – in all ihren Varianten überwinden.
Wenn die Ausbeutung der Natur zum Zwecke der Anhäufung von Kapital überwunden werden soll, gibt es umso mehr Gründe dafür, die Ausbeutung von Menschen hinter uns zu lassen. Wir werden erkennen müssen, dass wir Menschen als Wesen der Natur keine isolierten Individuen sind, dass wir Teil einer Gemeinschaft sind, dass wir selbst letztendlich Gemeinschaft sind. Diese Gemeinschaften, Völker, Nationen und Länder sollten in einer harmonischen Beziehung zueinander stehen.
Diese doppelte Verbundenheit – mit der Natur und in der Gemeinschaft – erfordert von uns, jenen zivilisatorischen Schritt zu gehen, mit dem die Menschenrechte und die Rechte der Natur uneingeschränkt anerkannt werden und Gültigkeit erlangen.

Verwendete und weiterführende Literatur
Acosta, Alberto; Machado, Decio 2012. Movimientos comprometidos con la vida. Ambientalismos y conflictos actuales en América Latina. Observatorio Social de América Latina (OSAL) 32: 67-94.
Acosta, Alberto 2009. La maldición de la abundancia. Quito: Abya-Yala.
Acosta, Alberto 2014a. Iniciativa Yasuní-ITT – La difícil construcción de la utopía. Zugriff: 02.06.2016. <http://www.rebelion.org/noticia.php?id=180285>
Acosta, Alberto 2014b. La Iniciativa Yasuní-ITT – Una crítica desde la economía política. COYUNTURA 16: 31-49. Zugriff: 02.06.2016. <http://www.ucuenca.edu.ec/ojs/index.php/conyuntura/article/view/189>
Acosta, Alberto u. a. 2013: El país que queríamos. Quito: Montecristi Vive. Zugriff: 02.06.2016. <http://es.scribd.com/doc/141709099/El-pai-s-que-queri-amos>
D’Alisa, Giacomo; Demaria Frederico; Kallis, Giorgios (Hrsg.) 2016. Degrowth – Handbuch für eine neue Ära. München: Oekom Verlag.
Gudynas, Eduardo 2015. Extractivismos – Ecología, economía y política de un modo de entender el desarrollo y la Naturaleza. La Paz: CLAES/CEDIB.
Kothari, Ashish; Demaria, Federico; Acosta, Alberto 2015. Buen Vivir, Degrowth and Ecological Swaraj: Alternatives to Sustainable Development and the Green Economy. Development 57(3): 362-375. >http://www.palgrave-journals.com/development/journal/v57/n3-4/full/dev201524a.html>
Red de la Diversidad 2013. Encuentro de Movimientos y organizaciones urbanas: Vivir bien/buen vivir desde contextos urbanos. Zugriff: 2.6.2016. <http://www.rosalux.org.ec/es/actividades/eventos-de-aliados/738-memoriaencuentrourbano.html>
Schuldt, Jürgen 2005. ¿Somos pobres porque somos ricos? Recursos naturales, tecnología y globalización. Lima: Fondo Editorial del Congreso del Perú.
Taibo, Carlos 2015. ¿Tomar el poder o construir sociedad desde abajo? Un manual para asaltar los infiernos. Madrid: Catarata.
Tortosa, José María 2011. Mal desarrollo y mal vivir – Pobreza y violencia escala mundial (Reihe: Debate Constituyente, herausgegeben von Alberto Acosta und Esperanza Martínez). Quito: Abya-Yala.
Unceta, Koldo. 2014. Desarrollo, postcrecimiento y Buen Vivir (Reihe: Debate Constituyente, herausgegeben von Alberto Acosta und Esperanza Martínez). Quito: Abya-Yala. Zugriff: 02.06.2016. <http://rosalux.org.ec/es/mediateca/mediateca-es-publicaciones/175-alternativas-al-desarrollo/830-postecrecimientokoldounceta.html>

 

1 Folgende Beispiele sind unter vielen anderen hervorzuheben: In Ecuador schlugen die verschiedenen Gruppen, die sich in der Plurinationalen Einheit der Linken (Unidad Plurinacional de Izquierdas) zusammentaten, einen Regierungsplan auf der Grundlage des Buen Vivir oder Sumak Kawsay vor. Siehe dazu: Acosta 2013 und das Programm von RAIZ – Movimiento Cidadanista in Brasilien, 2016: Carta Cidadanista.
2 Ayllu bezeichnet die Gesamtheit der miteinander verwandten und verschwägerten Familien.
3 In dieser Hinsicht ist Bolivien nicht sehr weit gekommen, und noch weniger Ecuador.

Übersetzt von Mercè Ardiaca Jové