Die unglaubliche Patentverbrennungsmaschine

BAYER WILL MONSANTO KAUFEN

Die unglaubliche Patentverbrennungsmaschine

Wegen des Fusionsprozesses mit Monsanto wurde Bayer in Deutschland vielen öffentlichen Demonstrationen konfrontiert. In Bonn protestieren Aktivist*innen gegen die Auswirkungen von Genmanipulation und Saatgutkontrolle. Miguel Lovera aus Paraguay wies auf Monsantos schlimmes Erbe hin

Von Daniel Santini (Text und Fotos), Original hier

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Dieser Ofen verbrennt nicht nur Patente, sondern brät auch Kartoffeln

Die letzte Hauptversammlung der Bayer-Aktionär*innen in Bonn am 28. April 2017 war gekennzeichnet von Protesten und Beschwerden, einschließlich Kritik über die Übernahme des US-amerikanischen Konzerns Monsanto. Vor dem World Conference Center in Bonn, wo das Treffen stattfand, machten Umweltaktivist*innen, Kleinbauern und Mitglieder sozialer Bewegungen auf die Auswirkungen aufmerksam, die eine Stärkung eines fragwürdigen Geschäftsmodells mit sich bringen würde. Dieses stützt sich auf den exzessiven Gebrauch von Agrargiften und die Privatisierung des Lebens durch die Entwicklung und Patentierung neuer genveränderter Pflanzen und Erhebung von royalties für den Gebrauch von Saatgut.
Bei einer entspannten Demo mit lauter bunt gekleideten, gut gelaunten Teilnehmern mit farbenfrohen Plakaten brachten Bauern aus Westdeutschland einen alten, halb verrosteten Ofen mit, der zwischen Rauch und Dampf organische Kartoffeln für die anderen Teilnehmer briet. Die Maschine, die erfolgreich die Umgebung an einem so kalten Tag aufwärmte, wurde mit Postern befeuert, die die Patente auf Tomaten, Brokkoli, Orangen, Bananen und andere Früchte symbolisiert, und mit Dokumenten, die für die Fusion der zwei Konzerne standen.
Der Pharma- und Agrochemiemulti Bayer, der die Bezahlung von US$128 pro Aktie in einer Transaktion von 66 Milliarden US-$ angekündigt hatte, will die Kontrolle über Monsanto übernehmen, den weltweit größten Hersteller von Industriesaatgut. Die Verhandlungen verschärfen die Machtkonzentration auf dem Weltmarkt für Agrochemikalien und Saatgut und toppen sogar den vorherigen Kauf des Agrogiftkonzerns Syngenta aus der Schweiz druch den chinesischen Staatsbetrieb ChemChina – Kostenpunkt: 43 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt  (BIP) von Paraguay betrug 2015 gerade 27 Milliarden Dollar.

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Patent- und Fusions”verträge” werden im Ofen verbrannt

Was Monsanto in Paraguay anrichtet

An der Universität zu Köln wurde ein Treffen organisiert, um die Fusion der zwei Unternehmen zu debattieren. Unter den internationalen Teilnehmern befand sich auf die Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung auch der Agronom Miguel Lovera, ehemaliger Vorsitzender der Saatgutbehörde SENAVE in Paraguay.
Lovera war während der Regierung von Präsident Fernando Lugo (2008-12) dafür zuständig, die Einwirkung von multinationalen Unternehmen im Bereich der Agrochemikalien zu regeln.  Er schilderte die fatalen Auswirkungen des sogenannten „Monsanto-Modells“ und trat dafür ein, dass Bayer mit der Übernahme des Unternehmens auch für die beträchtlichen Verbindlichkeiten einstehen müsse, die zum Schaden von Umwelt und Gesellschaft führten –  Verschmutzung von Flüssen und des Grundwassers, Entwaldung, Landkonzentration und der Herstellung von vergifteten Lebensmitteln als Folge der Verbreitung von Monokulturen, Genmanipulation und der Versprühung von Giftstoffen in seinem Land.

Fakten

Bayer-Spruchband am Rande der Hauptversammlung in Bonn

Bayer wiederum beklagte, dass die Beschwerden der Demonstranten über die Auswirkungen von Agrochemikalien widersprüchlich seien und versuchte, mit „Fakten statt Vorurteilen“ dagegenzuhalten (siehe Foto). Ein Angestellter in einem Bärenkostüm mit der Nachricht trat kurz auf. Die Marketingstrategie passte nicht so ganz in das Ambiente des Treffens. Die meisten Aktionäre, gekleidet in Anzug und Krawatte, machten einen ernsten, mürrischen Eindruck – ein deutlicher Kontrast zu  den farbenfrohen Demonstranten mit ihren Plakaten, die auf Fälle von Bayer mitverursachtem Bienensterben hinwiesen.
“Die Fakten sind sehr konkret und die Auswirkungen real. Monsanto hat ohne Sorgfalt agiert und durch sein Drängen auf komplette Deregulierung dazu beigetragen, den Rechtsstaat zu schwächen, nicht nur in Paraguay,  sondern in allen Ländern der Region”, rief Lovera. Er erinnerte daran, wie in Bezug auf die Anbauregion in Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay von der “vereinten Soja-Republik“ die Rede ist und dabei die Grenzen völlig außer Acht gelassen werden. Das Modell, das auf genetisch verändertem Saatgut und dem intensiven Einsatz von Giftstoffen ruht, verstärke die Landkonzentration und begünstige dabei die Verbreitung von Monokulturen in Gegenden, die vorher für den Anbau von Lebensmitteln genutzt wurden.

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Miguel Lovera klärt auf

Lovera verwies in einem RLS-Standpunkt und auf einer öffentlichen Veranstaltung in Berlin auf den Zusammenhang zwischen der Ablösung der Familienunternehmen durch Großgrundbesitzer mit dem Bestellen der Fläche praktisch ohne Arbeiter und der Landflucht in Verbindung und erinnert daran, dass selbst die wenigen übriggebliebenen kleinen Grundbesitze schwer unter dem Einsatz von „Roundup“ leiden, einem Monsanto-Herbizid aus Glyphosat, das in seinem Land wegen seiner zerstörerischen Potenz „ Allestöter“ genannt wird. Als direkte Folge ist sogar die Lebensmittelsicherheit seines Landes gefährdet. Nicht einmal während des Chacokrieges (1932-35) musste Paraguay Lebensmittel importieren. Doch genau das passiert derzeit.
Er berichtete auch von den Versuchen, während seiner Zeit an der Spitze des Hauptaufsichtsorgans für Pflanzen- und Saatgutschutz, Einfluss auf den US-Konzern zu nehmen. Außerdem trat er dafür ein, dass Bayer alle verursachten Schäden ausgleicht und die Agrotechnologie in ihrer heutigen Nutzung beendet. Während seiner Deutschlandreise hielt er einen Vortrag vor Bundestagsabgeordneten und gab zahlreiche Interviews.

Bundestag

Miguel Lovera mit den Abgeordneten Heike Hänsel (Die Linke), Klaus Barthel (SPD), Uwe Kekeritz (Grüne) und Harald Ebner (Grüne) sowie Fraktionsmitarbeiter*innen während der Sitzung des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit im Bundestag

Auf der Aktionärsversammlung
Die Beschwerden über die Auswirkungen der Produkte und Politik der beiden Unternehmen tauchten nicht nur vor der Versammlung auf. Um seine Aktionäre zu schützen und um diese von dem Kontakt mit dem Ofen, der die Patente zerstört, den bunten Plakaten und den kreativen Verkleidungen fernzuhalten ging Bayer bis vor Gericht, um die Proteste in der direkten Umgebung der Versammlung zu verbieten – ohne Erfolg.
In der Versammlung hat jeder das Recht, dem Aufsichtsrat kritische Fragen zu stellen. Zwischen unternehmerischen Zweifeln und Fragen über innere Abläufe, musste sich Werner Baumann, aktueller Vorstandvorsitzender von Bayer, viel Kritik anhören. Er wurde gefragt, wie er bei all dem, was zur Zeit passiert, nachts noch schlafen könne. „Natürlich mit Bayern-Tabletten“, rief ein Aktionär.

Verena

Verena Glass von der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Verena Glass, Projektkoordinatorin der Rosa-Luxemburg-Stiftung, trug Daten der “Permanenten Kampagne gegen Agrochemikalien und für das Leben” aus Brasilien vor, und Christian Russau vom Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre wies auf den Gebrauch von in Europa verbotenen Agrargiften in Brasilien hin. Die Verantwortlichen reagierten ratlos und verharmlosten die Situation.

Rede von Verena Glass (Campanha Permanente Contra os Agrotóxicos e Pela Vida, Brasilien/Rosa-Luxemburg Stiftung, São Paulo)
Rede Christian Russau (Dachverband Kritische Aktionäre)

Neben den Fragen, die durch das Mikrofon gestellt wurden, gab es auch Kundgebungen außerhalb des Protokolls. Weder Sicherheitsvorkehrungen wie an Flughäfen noch Sicherheitskräfte mit Funkgeräten und wachsamem Blick für jede verdächtige Bewegung konnten einige Personen davon abhalten, ihre Ansichten zu präsentieren und auf sich aufmerksam zu machen. Sie wurden anschließend des Raumes verwiesen.
Aber nicht nur das Wirken von Monsanto in Paraguay und den Nachbarländern sollte Bayer bei der Übernahme Kopfzerbrechen bereiten. Zehn Tage vor der Aktionärshauptversammlung, am 18. April, wurde das Urteil des „Internationalen Gerichts gegen Monsanto verkündet, einer internationalen Initiative der „Zivilgesellschaft“. Diese Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, das Unternehmen für seine Verstöße gegen Menschenrechte,  Verbrechen gegen die Menschheit und für den Ökozid zur Verantwortung zu ziehen.

Interviews mit Miguel Lovera und andere Texte:
Auf Deutsch:
Deutsche Welle – Bayer verteidigt Monsanto-Kauf
Deutsche Welle – BaySanto: Front gegen “Todeshochzeit”
Neues Deutschland – “Monsanto steht für Piraterie, Gift und Krankheit”
Flux FM – Soja-Flüchtlinge & Saatgut-Riesen in Paraguay | Schluckt Bayer Monsanto?
Misereor – Soja-Anbau in Paraguay „Schwangere haben Angst um ihr Baby“
Katholisch.de – Misereor fordert Stopp der Bayer-Monsanto-Fusion
Rosalux – Fernando Lugo: „Ich habe ein Recht auf die Kandidatur“
Auf Englisch:
Deutsche Welle – “Marriage of death”: Protesters oppose Bayer-Monsanto merger

Auf Spanisch:
Deutsche Welle – El conflicto de la soja en Paraguay
Rosalux – Fernando Lugo, la reelección y Bayer/Monsanto

 Übersetzung: Svea Franz