»Söhne und Töchter von Völkermördern«

Militärdiktatur in Argentinien

»Söhne und Töchter von Völkermördern«

Erika Lederer hat eine Menschenrechtsgruppe in Argentinien angeregt, die sich den Verbrechen der Eltern stellt

MATERIA-ERIKA-ALEMANHA

Erika Lederer und die Last der Erinnerung: »Mein ganzes Leben habe ich mit meinem Alten gestritten.«

Von Jürgen Vogt, neues deutschland
»Wir sind Söhne und Töchter von Völkermördern. Das muss mit diesen Worten und Begriffen gesagt werden.« Für Erika Lederer ist das wichtig. Sie ringt um die Präzision der Worte, der Begriffe und ihrer Bedeutungen. Während der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983 war ihr Vater Geburtshelfer in einer geheimen Entbindungsstation. Mit einem Kopfschuss hatte er sich später seiner juristischen Verantwortung entzogen. Unter den Militärs gilt der Vater als Held, der den Befehl des Schweigens befolgte. »Rational kann ich mir sagen, dass ich mit seinen Verbrechen nichts zu tun habe. Aber ich trage es in mir, wie den Mythos von Sisyphos«, sagt die Tochter.

Anfang Mai herrschte in Argentinien Entsetzen über ein Urteil des Obersten Gerichts, das verurteilten Menschenrechtsverbrechern unter bestimmten Bedingungen Strafnachlass gewähren würde. »Es war, als würde das Rad zurückgedreht werden, und dabei wird platt gemacht, was in den vergangenen zwölf Jahren an juristischer Aufarbeitung errungen wurde«, sagt die Anwältin Erika Lederer.

Eine Woche später zogen 500 000 Menschen protestierend durch Buenos Aires. Unter den Protestierenden war auch Erika Lederer, allein. »Keine der demonstrierenden Menschenrechtsgruppen repräsentiert mich.« Auf ihrer Facebook-Seite postete sie ihr Unbehagen als Tochter eines Völkermörders. Die Resonanz war groß. Andere Betroffene schrieben ihr. Schnell wurde ein erstes Treffen organisiert.

Historias Desobedientes y con Faltas de Ortografía – Hijos e Hijas de Genocidas nennt sich die Gruppe. Auf Deutsch: Rebellische Geschichten mit Rechtschreibfehlern – Söhne und Töchter von Völkermördern. Es sind die Kinder, deren Väter während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 Menschenrechtsverbrechen begangen haben. Kinder von Mördern, Folterern und Kindesräubern. Anfang Juni trafen sie sich das erste Mal. Erst waren sie drei, jetzt schon sind sie über 40. »Wir erheben unsere Stimme, um den Befehl zum Schweigen zu brechen, und schließen uns dem Kampf für die Wahrheit an«, schreiben sie auf ihrer Facebook-Seite.

»Wir sprechen alle dieselbe Sprache. Aber es ist schmerzvoll, denn es sind alles traurige Geschichten. Du hörst sie und denkst, die Perversion kennt keine Grenzen. Mir tut es mehr weh, als es mir gut tut.« Erika Lederer sitzt in ihrem Wohnzimmer auf der Sofakante. Hinter ihr der wuchtige Schreibtisch und die mächtige Bücherwand. Die Bücher, aufgestöbert in Antiquariaten. Einige Erstausgaben sind darunter. Die seitlichen Fensterläden sind fest geschlossen. Der triste Regentag soll draußen bleiben.

»Ich war sehr klein, manchmal weiß ich nicht mehr, was Fantasie und was wirklich war.« Sie kramt in alten Fotos. Das Bild mit dem Vater und ihr auf einer Schaukel. Beide schauen in die Kamera, sie ist drei Jahre alt.

Über das Leben mit der Schuld ihres Vaters: »Mich haben zwei Dinge gerettet: Philosophie und Sport.«

Über das Leben mit der Schuld ihres Vaters: »Mich haben zwei Dinge gerettet: Philosophie und Sport.«

Am 27. November 1976 kommt sie in der nordargentinischen Provinz Salta zur Welt. Acht Monate zuvor hatte sich das Militär im fernen Buenos Aires an die Macht geputscht. Die Familie zieht nach Villa Ballester in der Provinz Buenos Aires. Der Vater, Ricardo Nicolás Lederer, Militärarzt im Leutnantsrang, arbeitet als Geburtshelfer im nahen Militärkrankenhaus von Campo de Mayo.

Die Militärbasis Campo de Mayo wird als geheimes Gefangenen- und Folterlager genutzt. Im Krankenhaus wird eine klandestine Entbindungsstation eingerichtet. Gefangene Frauen, die schwanger sind, bringen dort ihre Neugeborenen zu Welt. Sie werden ihnen sofort weggenommen und weitergereicht. Jahre später wird die argentinische Justiz feststellen, dass es einen Plan zum Kindesraub gab.

Während viele Mütter spurlos verschwunden sind, suchen die Großmütter der Plaza de Mayo seit 40 Jahren unermüdlich nach den verschwundenen Kindern. In einer Gendatenbank sind die DNAs von Familienangehörigen der Verschwundenen gesammelt. Bis heute konnten sie 122 Enkelinnen und Enkel finden.

Nach dem Ende der Diktatur 1983 eröffnet der Vater eine Praxis und arbeitet als Gerichtsmediziner. »Nie wieder hat er als Geburtshelfer gearbeitet«, erzählt die Tochter. Erika geht auf die Hölters Schule in Villa Ballester. In der Grundschule hatte sie anfangs noch versucht, den Vater zu verteidigen, »aber schon damals, als ich mich so reden hörte, dachte ich, das bin doch nicht ich«. Jetzt wringt sie mit den Händen, ihr Blick geht nach innen.
»Ich wollte verstehen. Ich wollte, dass mein Alter es mir erklärt. Ich wollte ihm glauben können.« Mi Viejo, mein Alter, sagt Erika Lederer, als Abgrenzung zum Wort Vater. »Wie kann man diese Gräueltaten verteidigen? Mein ganzes Leben habe ich mit meinem Alten gestritten.« Mit neun Jahren fingen die Dinge an, nicht mehr zusammenzupassen. Sie kannte den Hippokratischen Eid der Mediziner, der zur Heilung verpflichtet. Er passte nicht mehr zum Vater, alles war paradox, es gab schizophrene Erklärungen, nichts passte zusammen.

1985 steht der Name ihres Vaters in der Zeitung. In der linken »Página/12« wird Ricardo Lederer heftig kritisiert, dass er Ramón Camps verteidigt, einen Militär, der während der Diktatur Polizeichef in der Provinz Buenos Aires war und die Verantwortung für die dortigen geheimen Gefangenen- und Folterlager hatte. Camps war ein guter Freund ihres Vaters und 1985 wegen Folter und Mord zu 25 Jahren Haft verurteilt worden. »Damals fragte ich meinen Alten, ob er jemanden umgebracht hatte.« Ja, antwortet der Vater, das sei ein Krieg gewesen, rechtfertigt er sich.

Sie hat damals niemanden, mit dem sie reden kann. Kann es auch nicht, denn sie hätte dann auch über die Misshandlungen zu Hause reden müssen. Von den ständigen Streitereien, den Schlägen, die immer nur sie bekommt und nie der Bruder. Sie schämt sich. Viele Jahre hatte sie abwechselnd Bulimie und Anorexie. »Ich habe wochenlang nichts gegessen, und wenn ich dann aß, musste ich mich übergeben, und ich schwöre, es war mein Vater, den ich auskotzte.« Ihre ausholende Armbewegung unterstreicht den Ekel, sie beugt den Kopf leicht nach vorne.

In der Hauptschule hat sie Freunde, spricht aber wenig. Sie ist als Autistin abgestempelt. »Mich haben zwei Dinge gerettet: Philosophie und Sport.« Sie liest Heidegger. Die Philosophie öffnet ihr einen Weg zum Verstehen. Hier findet sie die Argumente, mit denen sie sich distanzieren kann. »Mir sprengte es sprichwörtlich den Kopf. Ich lernte auf eine andere Weise über die Sachen nachzudenken, die mich betrafen.« Sie findet rationale Erklärungen für die schwer auszuhaltenden Gefühle.

Der Sport gibt ihr Ausdauer, Durchstehvermögen und die Kraft, Schmerz über einen langen Zeitraum auszuhalten. Ihre mittelgroße, drahtige Statur wirkt durchtrainiert. Sie macht Biathle, einer Sportart bei der Laufen, Schwimmen, Laufen aufeinanderfolgen. »Ich fing an zu laufen und hörte nicht auf.« Sie läuft, bis sie keine Fußnägel mehr hat. »Ein Jahr lang hatte ich keine Fußnägel.« Und sie schwimmt, kilometerlang die Bahnen, später in Aguas Abiertas, im offenen Meer. Der Körper beginnt zu schmerzen, aber sie muss weiter schwimmen, weiter rennen. »Als ich anfing im Meer zu schwimmen, öffnete sich mir eine andere Welt. Du überwindest die Brandung, schwimmst durch die Turbulenzen, und dahinter ist die ruhige See.« Für einen ruhigen Moment schließt sie die Augen.

Sie zieht ein deutsches Kochbuch aus dem Regal. Ein Geschenk von der Gastfamilie. »Als ich mit 15 zum Schüleraustausch nach Augsburg fuhr, war ich überall voller Falten. Arme, Körper, Beine, im Gesicht, meine ganze Haut, alles war runzelig.« Sie streicht mit den Händen über ihren Körper. Nichts hatte dagegen geholfen. Sie kommt nach Deutschland, lebt in der Gastfamilie und die Falten verschwinden. »Da war mir klar, ich muss mir meine verrückte Familie vom Leib halten.«

Nach der Schule studiert sie Jura. Der Vater will es so. Philosophie sei etwas für linke Spinner. Während des Studiums arbeitet sie in seiner Praxis. Sie bleibt im Elternhaus wohnen und spart alles, was sie verdient. Nur für Bücher gibt sie Geld aus.

Einmal kommt sie nach Hause. In ihrem Zimmer ist alles auf den Kopf gestellt. Der Vater hat es durchsucht. Er hat die im Buchregal versteckten Zeitschriften einer linken Gruppierung gefunden und tobt. Er schlägt zu, so wild, dass zum ersten Mal der Bruder dazwischen geht. »Ich spürte keinen Schmerz mehr«, erinnert sie sich.

Mit dem Titel der Rechtsanwältin verlässt sie das Elternhaus. Sie ist 24. Drei Jahre lang betritt sie es nicht wieder. Sie beginnt Philosophie zu studieren. »Das war eine herrliche Revanche.« Wieder Heidegger, dann Sartre, Camus, »die Existenzialisten, die uns sagen, dass wir auch was ganz anderes machen können«. Später verliebt sie sich hoffnungslos in Wittgenstein. »Sprache, Reden, Sagen, das ist immer mein Ding gewesen.« Sie lehnt sich auf dem Sofa zurück, das Gesicht entspannt sich.

Und sie will Mutter werden. »Mein Vater war immer auf der Entbindungsstation. Babys, Kinder, Mutter sein waren immer Thema.« Sie sucht sich jemanden, mit dem das geht. »Heiraten war eine Gaudi, mehr nicht.« Die Ehe endet mit einer Scheidung wegen häuslicher Gewalt durch den Ehemann.

Mutter ist sie geworden. José Martín (nach Martin Heidegger) ist heute zwölf, Alba Libertad (nach einer Anarchistin) ist zehn. Als sie ihr nach der Geburt ihres Sohnes das Kind zum Waschen »wegnehmen«, schrie sie, man solle ihr ihr Kind wiedergeben. »Mir ging alles durch den Kopf, Frauen, deren Kinder nach der Geburt gestorben waren, Kinder, die nicht bei der Mutter blieben … und die gestorben sind … Ich habe geheult ohne Ende.« Sie streicht sich die langen Haare aus dem Gesicht und schaut zu den zwei großen Bildern der Kinder.

Sie macht die DNA-Analyse, um die sie die Großmütter der Plaza de Mayo schon lange gebeten hatten. »Ich hatte keine Zweifel, die Tochter meines Vaters zu sein. Außerdem komme ich sehr nach meiner Mutter.« Sie erfährt, dass ihr Bruder ebenfalls die Analyse machte, aber auf richterliche Anordnung, da er sich weigerte. »Mein Bruder kam 1979 in Campo de Mayo zur Welt.« Das hatte das Misstrauen der Großmütter erregt. Da es sich bei Kindsraub um eine schwere Straftat handelt, kann im Zuge der Ermittlungen ein Zwangsabgleich der DNA angeordnet werden.

Am 7. August 2012 geben die Großmütter bekannt, dass sie den Enkel Nummer 106 gefunden haben. Pablo Javier Gaona Miranda kam am 14. Mai 1978 im Krankenhaus Rivadavia in der Hauptstadt Buenos Aires zur Welt. Er wurde seiner Mutter weggenommen. Seine Eltern sind bis heute verschwunden. Seine gefälschte Geburtsurkunde wurde von Ricardo Lederer unterschrieben und datierte auf den 23. Juli 1978. Dem Vater droht zum ersten Mal die Festnahme. Einen Tag später erschießt er sich.

»Ich hatte keine Ahnung, dass sich mein Vater eine Kugel in den Kopf schoss.« Der Bruder informiert sie. In Gedanken fährt sie jetzt noch mal die lange Strecke mit dem Zug nach Villa Ballester. Sie streicht sich die langen Haare aus dem Gesicht, wirft dabei den Kopf nach hinten und unterdrückt die Tränen. Ihre Augen wandern suchend umher. »Ein Schüler fragte Camus: Meine Mutter stirbt, was soll ich tun? Camus antwortet, als du mich gefragt hast, hattest du schon die Antwort«, sagt sie. Ihre Augen finden das Buch. Sie zieht Camus’ »Der Mensch in der Revolte« aus dem Regal. »Ich habe einen Freund angerufen, der ist Philosoph. Der sagte, du bist doch Existenzialistin und dein Vater hat es so gewählt. Du weißt, der Tod ist die letzte Entscheidung.«

»Der Affekt für den Vater ist eine Sache, und Gerechtigkeit verlangen ist eine andere Sache.« Heute arbeitet sie als Mediatorin in Strafsachen beim Justizministerium. Es geht um Konfliktlösung durch Kommunikation, mit Worten, zwischen Gefängnisinsassen und ihren Angehörigen draußen. »Die Gefangenen ähneln uns Kindern der Völkermörder, sie haben Geschichten, mit denen sie nicht leben können. Aber wenn du nur das Gefängnis kennst, ist es schwer da herauszukommen. Ich bin nicht nur die Tochter eines Militärs, ich habe eine andere Geschichte gebaut«, sagt sie und stellt Camus wieder ins Regal.

Genozid in Argentinien

Bisher ist es der neoliberalen Regierung von Mauricio Macri in Argentinien nicht gelungen, die Geschichte der Verbrechen der Diktatur von 1976-83 umzuschreiben. Der weitestgehende Versuch fand am 3. Mai 2017 statt. Nach der Neubesetzung des Obersten Gerichtshofes mit zwei rechtskonservativen Richtern wurde eine Kehrtwende in der Rechtssprechung versucht. Das Oberste Gericht entschied, dass auch verurteilten Menschenrechtsverbrechern unter bestimmten Bedingungen Strafnachlass gewehrt werden muss. Potenziell 350 Schergen aus der Diktatur hätten so vorfristig auf freien Fuß kommen können. Eine Woche später zogen 500 000 Menschen protestierend durch Buenos Aires. Noch am selben Abend verabschiedeten Regierung und Kongress ein Gesetz, in dem es heißt, dass der Strafnachlass »nicht anwendbar bei Menschenrechtsverbrechen, Völkermord und Kriegsverbrechen« ist.

Ausgangspunkt der Militärdiktatur war der Putsch am 24. März 1976. Während der folgenden Militärherrschaft bis zum Jahr 1983 wurden nach dem offiziellen Bericht »Nunca más« (Nie wieder) über 10 000 Menschen entführt und ermordet. Menschenrechtsorganisationen sprechen von 30 000 Opfern. Darunter sind viele »Verschwundene«. Die Leichen dieser Opfer wurden von Militärs an geheimen Orten verscharrt oder ins Meer geworfen.
Im Jahr 2005 wurden zwei Amnestiegesetze aufgehoben, die den für die Verbrechen Verantwortlichen Straffreiheit garantierten. Im September 2006 sprach ein Gericht den ehemaligen Polizisten Miguel Etchecolatz für »Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zuge des Völkermords, der zwischen 1976 und 1983 in Argentinien stattfand« schuldig. Damit wurde erstmals der Begriff Völkermord in eine Urteilsbegründung aufgenommen.

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation CELS wurde seither gegen über 2000 Personen ermittelt. 370 Angeklagte wurden zu teilweise hohen Haftstrafen verurteilt, 35 wurden freigesprochen. Erst Ende Juli wurden vier ehemalige Bundesrichter wegen Menschenrechtsverbrechen während der Militärdiktatur zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Ein Gericht in der Provinz Mendoza befand die vier Männer der Mittäterschaft bei Entführung, Folter und Mord für schuldig, wie die Tageszeitung »La Nación« berichtete. Menschenrechtsorganisationen sprachen von einem historischen Urteil. Das Verfahren zog sich seit 2014 hin.

Den ehemaligen Bundesrichtern wird vorgeworfen, keine Untersuchungen über Verschwundene während der Diktatur angeordnet zu haben. In mindestens 20 Fällen sollen sie entsprechende Anträge von Familienangehörigen zurückgewiesen haben. Nach Überzeugung des Gerichts sind sie damit für Verbrechen mitverantwortlich.
Die Hinterbliebenenorganisation »Großmütter der Plaza de Mayo« erklärte, es sei das erste Mal, dass Richter nicht nur der Komplizenschaft von Menschenrechtsverbrechen für schuldig befunden, sondern als Verantwortliche verurteilt wurden. Die Aufarbeitung dauert an.
Fotos: Jürgen Vogt